die umwelt: Wenn ich morgens meinen Kaffee trinke, denke ich nicht an Biodiversität. Und doch: Ihre Bedeutung für die Kaffeeproduktion und die Wirtschaft generell ist sehr gross. Was sagt der Weltbiodiversitätsrat IPBES dazu?
Sebastian König: Biodiversität bildet eine zentrale wirtschaftliche Grundlage, denn Unternehmen sind direkt von der Natur abhängig und beeinflussen sie zugleich. Intakte Ökosysteme bieten fruchtbare Böden, sauberes Wasser und stabile Klimabedingungen. Wenn ich nun morgens meinen Kaffee aus Bohnen der lokalen Kaffeerösterei geniesse, spielt ebendiese Abhängigkeit von der Biodiversität mit. Mein Kaffeeproduzent, also ein KMU in der Schweiz, bezieht seine Kaffeebohnen aus Lateinamerika oder Afrika. Gehen dort Wälder, Böden und Artenvielfalt verloren, sind die Folgen Ernteausfälle oder Qualitätsverluste und damit Preisschwankungen und Lieferengpässe. Gleichzeitig können Firmen diese Risiken aktiv reduzieren. Investitionen in den Schutz von Böden, Wasser und Landschaften in den Anbauregionen stabilisieren Lieferketten, sichern die Produktqualität und erhöhen langfristig Resilienz und Wertschöpfung. Der IPBES-Bericht zeigt deutlich, dass Biodiversität entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle spielt: Sie beeinflusst Preise, Verfügbarkeit von Rohstoffen, Produktionssicherheit und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Regierungen tragen dabei eine Schlüsselrolle, indem sie Rahmenbedingungen, wie branchenspezifische Instrumente, rechtlich bindende Vorschriften oder Offenlegungsweisungen schaffen, die Unternehmen motivieren zu agieren. Biodiversität ist damit nicht nur ein Umweltanliegen, sondern ein zentraler Faktor für wirtschaftliche Stabilität.
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Der neuste Bericht enthält Empfehlungen an die Staaten, aber keine verbindlichen Ziele. Wie kann die Schweiz diese Empfehlungen konkret umsetzen?
Ziel des Weltbiodiversitätsrats ist es, wissenschaftlich fundierte und politisch relevante Handlungsoptionen und Empfehlungen bereitzustellen, die Entscheidungsträger unterstützen, ohne aber rechtlich verbindliche Vorgaben zu machen. Für die Schweiz bedeutet dies, die Erkenntnisse konsequent in bestehende Politiken zu integrieren – etwa in die Strategie Biodiversität Schweiz, die Agrar- und Raumplanung oder in die Finanz- und Wirtschaftspolitik. Die Empfehlungen sollten national und international noch besser in Strategien und Entscheidungsprozesse eingebettet werden.
«Biodiversität beeinflusst Preise, Verfügbarkeit von Rohstoffen und Wettbewerbsfähigkeit.»

Sebastian König
Chef «Wissenschaft Umwelt International» in der Abteilung Internationales beim BAFU
Welche Rolle spielt die Schweiz im Weltbiodiversitätsrat?
Schweizer Expertinnen und Experten wirken an Berichten mit, zudem unterstützt die Schweiz IPBES institutionell. Ein wichtiger Schwerpunkt der Schweiz ist, dass wissenschaftliche Bewertungen und politisch relevante Informationen wirksam genutzt werden, sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene. Dabei geht es nicht nur um Datensammlung, sondern um fundierte Analysen und konkrete Empfehlungen, die Politik und Gesellschaft bei Entscheidungen unterstützen. Die Schweiz setzt sich zudem dafür ein, Klima, Biodiversität und Verschmutzung gemeinsam zu betrachten, Synergien zu nutzen und Entscheidungen aufeinander abzustimmen.
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) ist ein wissenschaftliches, zwischenstaatliches Gremium, das 2012 unter dem Dach der Vereinten Nationen gegründet wurde. Seine Aufgabe: den Zustand und die Entwicklung der globalen biologischen Vielfalt sowie der Ökosystemleistungen zu analysieren und diese Erkenntnisse politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen. Dies erfolgt insbesondere durch Veröffentlichung thematischer und methodischer Berichte. IPBES vereint Mitgliedstaaten, unabhängige Expertinnen und Experten sowie Beobachter, darunter UN-Organisationen, Universitäten und Forschungseinrichtungen. Aktuell zählt IPBES 152 Mitgliedstaaten, darunter auch die Schweiz.
Die USA ziehen sich vielen internationalen Abkommen zurück, besonders stark betroffen sind Umweltabkommen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeit der IPBES?
Ein Rückzug der USA ist bedauerlich, weil damit wissenschaftliche Expertise, finanzielle Beiträge und politische Reichweite verloren gehen. Dennoch bleibt IPBES handlungsfähig. Denn wichtig bleiben drei Punkte: Erstens braucht IPBES breite politische, fachliche und finanzielle Unterstützung aus möglichst allen Weltregionen. Zweitens müssen internationale Umweltziele und Entscheidungen konsequent auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Drittens entfaltet Wissenschaft ihre Wirkung nur dann, wenn globale Erkenntnisse auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Staaten können so Risiken reduzieren, Chancen nutzen und die Umsetzung internationaler Ziele stärken. Wissenschaft zieht sich nicht aus globalen Herausforderungen zurück. Ihre Wirkung hängt davon ab, wie Regierungen und Akteure sie nutzen.
