Der «Bewohner der Blüemlisalp» ist ein ungewöhnlicher Käfer: Er fühlt sich in der Höhe so richtig wohl, wo er – ganz der Bergsteiger – auf dem Alpenkamm herumklettert und in den Geröllhalden in der Nähe von Schneeflächen oder gar unter der Schneedecke lebt. Tagsüber sieht man ihn selten. Nachts verlässt er sein Versteck und durchstreift die Firnfelder, diese dauerhaft bestehenden Schneeansammlungen, auf der Suche nach einer ganz bestimmten Nahrung: Insekten, die sich wegen der Kälte nicht mehr bewegen können.
Die rund acht Millimeter lange Käferart Oreonebria bluemlisalpicola war der Wissenschaft lange unbekannt. Im Jahr 2014 wurde sie dann anhand eines Exemplars beschrieben, das im Gebiet der Blüemlisalp, einem Bergmassiv in den Berner Alpen, gefunden wurde. «In der Schweiz werden nur selten neue Arten entdeckt; die zuletzt beschriebenen sind in höheren Lagen heimisch, wo kaum jemand nach ihnen sucht. Ausserdem handelt es sich oft um kleine und schwer zu findende Arten, die sich nicht so leicht von anderen unterscheiden lassen», erklärt Andreas Sanchez, Entomologe bei info fauna.
Die Beschreibung von Oreonebria bluemlisalpicola ist den beiden Käferspezialisten Alexander Szallies und Charles Huber zu verdanken. Sie konnten zeigen, dass sich dieser Käfer von seinem ebenfalls gebirgsliebenden Verwandten Oreonebria bremii unterscheidet, dessen Hauptverbreitungsgebiet weiter östlich liegt. «In den Alpen und den angrenzenden Regionen leben sieben Arten der Laufkäfergattung Oreonebria. Vermutlich sind einige dieser Arten seit dem Ende der letzten Eiszeit entstanden, als die Populationen in verschiedenen Bergmassiven voneinander isoliert waren und kein Austausch mehr möglich war», erläutert Andreas Sanchez. «Für das ungeschulte Auge sehen all diese Arten sehr ähnlich aus. Sie lassen sich oft nur bei genauer Betrachtung unter einer Binokularlupe voneinander unterscheiden.»


Die Verantwortung der Schweiz für die Erhaltung des Käfers
Der Blüemlisalp-Laufkäfer gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf, da zahlreiche Aspekte seiner Lebensweise noch unzureichend erforscht sind. «Wir konnten zum Beispiel noch nie eine Larve beobachten», so Andreas Sanchez. Bekannt ist hingegen, dass es sich um eine in der Schweiz endemische Käferart handelt, die ausschliesslich in den nordwestlichen Schweizer Alpen, nördlich der Rhone und westlich der Aare vorkommt. Aus diesem Grund ist der Bund allein für ihre Erhaltung verantwortlich. «Wir müssen immer wieder prüfen, ob die Populationen noch existieren und ob es ihnen gut geht», führt Andreas Sanchez aus. In der aktuellen Roten Liste der Laufkäfer ist die Art als «nahezu bedroht» aufgeführt.
Der «Bewohner der Blüemlisalp» hat sich in für den Menschen unwirtlichen Gebieten niedergelassen. Die grösste Bedrohung für ihn ist jedoch die Klimaerwärmung. «Sein Lebensraum wird kleiner, wenn der Schnee schmilzt», hält Andreas Sanchez fest. Während andere Arten «einfach nur» in höhere Lagen ausweichen müssen, um günstigere Habitate zu finden, hat Oreonebria bluemlisalpicola die Gipfel bereits (fast) erreicht.
Steckbrief
Name: Oreonebria bluemlisalpicola Szallies & Huber 2014
Familie: Carabidae
Grösse: 7 bis 9,2 mm lang
Nahrung: Insekten und andere Wirbellose
Lebensraum: in Höhenlagen zwischen 2000 und 3200 Metern über Meer, in der Nähe von Schnee und Eis
