«Ich habe immer davon geträumt, als Segler mein Leben auf dem Meer zu verbringen. Im Alter von etwa 25 Jahren verspürte ich einmal mehr den Drang, zu entdecken, was jenseits des Meeres liegt. Zusammen mit einem Freund beschloss ich, ein altes Boot wieder flottzumachen und damit loszufahren. Das war 2011, und seitdem bin ich nie wieder richtig in mein altes Leben zurückgekehrt.

Vielleicht liegt es an meinen Walliser Wurzeln, dass ich mich schon immer von Schnee und Kälte angezogen fühlte. Daher rührt auch meine Faszination für die Erforschung der Polarregionen. Bevor ich für das multidisziplinäre Projekt ‹The Arctic Expedition› zur Genfer Organisation Pacifique stiess, hatte ich bereits Segelerfahrungen in Kanada und Grönland gesammelt. Der hohe Norden hat für mich Suchtpotenzial, denn dort ist man den Elementen ausgeliefert und die Natur ist noch unberührt. Obwohl diese Region besonders vom Klimawandel betroffen ist und leider bereits erste Folgen sichtbar sind, präsentieren sich die Landschaften noch immer fast so, wie sie die Seefahrer vor 500 Jahren vorfanden. Dorthin zurückkehren zu dürfen, noch dazu beruflich, empfand ich als grosses Glück.

Für Emilien Bertholet hat der hohe Norden Suchtpotenzial. Er erfreut sich daran, dass die Natur dort noch fast unberührt ist. Die Landschaften präsentieren sich ähnlich, wie sie die Seefahrer vor mehreren hundert Jahren vorgefunden haben. ©Verein Pacifique
Für Emilien Bertholet hat der hohe Norden Suchtpotenzial. Er erfreut sich daran, dass die Natur dort noch fast unberührt ist. Die Landschaften präsentieren sich ähnlich, wie sie die Seefahrer vor mehreren hundert Jahren vorgefunden haben. ©Verein Pacifique

Meine ersten Schiffsführerausweise habe ich bei Le Bouveret auf dem Genfersee gemacht. Der Erwerb des Kapitänspatents im Jahr 2013 machte es mir schliesslich möglich, mit der Zeit ganz von der Seefahrt zu leben. Als ich einmal auf meinem Boot Segelunterricht gab, kam ich mit einem Matrosen der ‹Fleur de Passion› ins Gespräch, einem der beiden Segelschiffe von Pacifique. Auf seinen Rat hin kontaktierte ich den Genfer Verein und fragte, ob ich beitreten dürfe. Kreuzfahrten haben mich nie gereizt – umso spannender erschienen mir die Expeditionen von Pacifique, die immer eine wissenschaftliche, künstlerische und soziale Komponente haben.

Im Jahr 2020 startete die Organisation eine grosse Arktis-Mission, die bis 2024 dauern sollte. Nach einer Überwinterung in Grönland im Winter 2021/22 konnte ich mir so vergangenes Jahr einen Lebenstraum erfüllen: die Nordwestpassage zu durchqueren, die Alaska mit Grönland verbindet. Was wir alles erlebt haben, ist auch in einem Dokumentarfilm von Pacifique zu sehen, der bald erscheinen soll.

Das Hauptziel der Expedition bestand darin, die Treibhausgaskonzentrationen im vom Klimawandel besonders betroffenen hohen Norden kontinuierlich zu überwachen. ©Verein Pacifique
Das Hauptziel der Expedition bestand darin, die Treibhausgaskonzentrationen im vom Klimawandel besonders betroffenen hohen Norden kontinuierlich zu überwachen. ©Verein Pacifique
Im Jahr 2020 schloss sich Emilien Bertholet einer grossen, fünfjährigen Expedition in die Arktis an. ©Verein Pacifique
Im Jahr 2020 schloss sich Emilien Bertholet einer grossen, fünfjährigen Expedition in die Arktis an. ©Verein Pacifique

Die drei Schwerpunkte des Vereins, nämlich Kunst, Citizen Science und die Unterstützung von Jugendlichen, waren auch bei dieser Forschungsreise zentral. Über die gesamte Expeditionsdauer hinweg waren neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zwei Kunstschaffende an Bord unseres Segelschiffs ‹Que Sera›, die das Abenteuer mit Zeichnungen für die Buchreihe ‹Sillages› dokumentierten. Unsere Unternehmung war Teil des Pionierprogramms ‹Arctic Change›, das Pacifique in Zusammenarbeit mit der Universität Genf vorantreibt.

Das Hauptziel der Expedition bestand darin, die Treibhausgaskonzentrationen im vom Klimawandel besonders betroffenen hohen Norden kontinuierlich zu überwachen. Dafür nahmen die Forschenden unter anderem zahlreiche Wasser- und Planktonproben. Beim ersten Teil der Überfahrt war auch ein Jugendlicher mit dabei. Seit 20 Jahren bietet Pacifique jungen Menschen in schwierigen Lebenslagen die Möglichkeit, auf den Schiffen mitzufahren. So sollen sie in ein aktives Leben zurückfinden, indem sie für eine gewisse Zeit aus ihrem negativen Umfeld herausgeholt werden.

Seit 20 Jahren bietet Pacifique Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen die Möglichkeit, auf den Schiffen mitzufahren. ©Verein Pacifique
Seit 20 Jahren bietet Pacifique Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen die Möglichkeit, auf den Schiffen mitzufahren. ©Verein Pacifique

Zurzeit bereiten wir unsere Segelyacht für die nächste Mission mit der Universität Genf vor. Auch diese Reise soll fünf Jahre dauern, und sie wird uns um die ganze Welt führen. In mehreren Etappen werden wir die Ökosysteme der Mangroven (siehe Kasten) genauer betrachten und uns darauf konzentrieren, ihre Rolle im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung zu ergründen. Damit setzen wir das Projekt ‹Sailing for Mangroves› fort, an dem wir gemeinsam mit der Universität Genf, der britischen Swansea University und dem gambischen GREAT Institute bereits seit drei Jahren in Gambia arbeiten. In dieser Region ist der Meeresboden noch kaum erforscht. Ein Anliegen des Programms ist es zudem, Studierende aus Gambia und der Schweiz in der Küsten- und Meeresforschung auszubilden. An Bord unseres Segelschiffs ‹Fleur de Passion› stehen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern alle nötigen Messgeräte zur Verfügung, um Wasser- und Sedimentproben zu entnehmen und den Zustand der Mangroven zu beurteilen.»

Emilien Bertholet

ist gelernter Informatiker und verfügt über einen Fachhochschulabschluss als Medieningenieur. Mit 25 Jahren nahm er auf dem Genfersee bei Le Bouveret die Ausbildung zum Seefahrer in Angriff. Sein Kapitänspatent erlangte er 2013. Im Jahr 2020 brach er zur fünfjährigen multidisziplinären Forschungsreise «The Arctic Expedition» des Vereins Pacifique auf, die in Zusammenarbeit mit der Universität Genf durchgeführt wurde. Heute unternimmt er regelmässig Expeditionen für Pacifique, unter anderem nach Gambia für das Projekt «Sailing for Mangroves».