Über eine Länge von 12 Kilometern fliesst der Fluss Laveggio durch unterschiedliche Landschaften des Mendrisiotto und mündet in Riva San Vitale in den Luganersee. Das Parkkonzept sieht einen zentralen Wert in dieser Vielfalt und unterteilt drei thematische Bereiche: Der urbane, der verborgene und der natürliche Laveggio. Neben der ökologischen Aufwertung und dem Naturschutz ist die Förderung des Fuss- und Veloverkehrs ein Schlüsselelement. Auf Fuss- und Velowegen können Besuchende die gut an den ÖV erschlossenen Natur- und Kulturlandschaften entdecken.
Die Talebene des Flusses Laveggio südlich des Luganersees ist dicht besiedelt und von Infrastrukturen geprägt. Die Vereinigung «Cittadini per il territorio» hat sich zum Ziel gesetzt, die verbliebenen Naturräume zu schützen und miteinander zu verbinden. Zu diesem Zweck haben sie gemeinsam mit anderen Beteiligten den «Parco del Laveggio» gegründet.
Die Erfolgsfaktoren
Das Projektkonsortium legt Wert auf eine gute Kommunikation gegenüber der Bevölkerung und bezieht diese immer wieder mit ein.
Dadurch geniesst der Park breite Unterstützung mit viel ehrenamtlichem Engagement.
Anwohnende und interessierte Privatpersonen finanzieren Massnahmen wie den Kauf von Bäumen und Sträuchern mit und sind dadurch eng mit den Aufwertungen verbunden.
Bei der Koordination wurden auch grosse Privateigentümerinnen wie die SBB und das Bundesamt für Strassen ASTRA in den Prozess einbezogen.
Auf der Basis einer Analyse von Naturwerten und den Bedürfnissen der Bevölkerung wurden Schwerpunkte auf konkrete und wirksame Interventionen gelegt.
Auf übergeordneter Ebene erfolgte eine Verankerung im kantonalen Richtplan sowie im Agglomerationsprogramm Mendrisiotto der 2. und 3. Generation.
Mit den Massnahmen des Parks konnten bestehende Naturschutzgebiete und Naturflächen vernetzt werden.
Der Aufbau des «Parco del Laveggio» ist ein Beispiel dafür, wie ein zivilgesellschaftlicher Akteur eine räumliche Entwicklung anregen und umsetzen kann. Der Verein «Cittadini per il territorio» hat in den letzten 15 Jahren ein Bewusstsein für die Naturwerte im Gebiet aufgebaut und damit die Voraussetzung geschaffen, dass öffentliche und private Partnerschaften für die Parkidee gewonnen und ökologische Aufwertungsmassnahmen umgesetzt werden konnten.
Der Parco del Laveggio verbindet die Naturgebiete im «Alto Mendrisiotto» mit einem Fussweg und erstreckt sich von der Quelle des Flusses Laveggio in Stabio bis zur Mündung in den Luganersee in Riva San Vitale. Normalerweise fliesst der Laveggio ruhig dahin, aber bei starken Regenfällen schwillt der Fluss rasch an. Dies führt zu teilweise erheblichen Überschwemmungen: Sicherheitsmassnahmen werden derzeit geprüft und sollen in den nächsten Jahren umgesetzt werden.


Im 19. Jahrhundert wurde der Laveggio zum Teil kanalisiert. In der Talsohle entstanden neue Verkehrswege und grosse Industriegebiete verdrängten die landwirtschaftlichen Flächen. Durch die stete Verschmutzung mit Abfällen, säurehaltigen Chemikalien und Kohlenwasserstoffen ging die Fischpopulation drastisch zurück. Heute ist die Wasserqualität gut und man sieht wieder viele Bachforellen im Laveggio schwimmen. Aber der Fluss fliesst durch ein sehr heterogen entwickeltes Gebiet, in dem Wohn- und Industriegebiete, Agrarlandschaften, Naturräume und Strasseninfrastrukturen nebeneinander bestehen.
«Die ‹Cittadini per il territorio› haben es auf bewundernswerte Art geschafft, gemeinsam mit Gemeinden, Privaten und Planenden aus diesem Gebiet, das stark von Infrastrukturen geprägt ist, eine Perlenkette aus Naturflächen zu schaffen. Das hat Leuchtturmcharakter und ist deshalb preiswürdig.»
PROF. DR. MARKUS FISCHER, JURYPRÄSIDENT BINDING PREIS FÜR BIODIVERSITÄT
Der Fluss als verbindendes Element
Das Projekt «Parco del Laveggio» entsprang dem Wunsch, die Grünflächen in der Talsohle zu schützen. Der zivilgesellschaftliche Verein «Cittadini per il territorio» entwickelte mit dem bekannten Architekten Tita Carloni und später mit Oliviero Piffaretti und Carlo Romano vom Atelier PeR ein Konzept, das den Wasserlauf des Laveggios als Rückgrat für den künftigen Park betrachtete. Das Parkkonzept, das daraufhin entstand, sieht den Fluss als strukturierendes und verbindendes Element für die Naherholung und veranschaulicht das Potenzial des Parkgebiets als ökologischer Korridor.

Die Naturräume im Parkgebiet können ihre Erholungsfunktion nur dann wahrnehmen, wenn die lokale Bevölkerung sie einfach und rasch erreicht. Der Zugang zum Fluss ist neben der Förderung der Biodiversität und dem Schutz der unbebauten Flächen deshalb eines der wichtigsten Anliegen der Parkverantwortlichen. Damit Spaziergängerinnen und -gänger, Anwohnende und Erholungssuchende sich gut orientieren können, wurden Tafeln mit Karten des jeweiligen Abschnitts aufgestellt. Eine Übersichtskarte gibt es auf parcolaveggio.ch.

Mit Unterstützung von Gemeinden und Kanton hat der Verein in den letzten Jahren neue Wege angelegt, einen Lehrpfad geschaffen sowie Bänke und Beschilderungen installiert. Dank Spenden und der Arbeit von Schulen und Freiwilligen wurden Bäume, Sträucher und Blumenbeete gepflanzt, Abfälle entfernt und invasive Pflanzen eingedämmt. Heute ist der Park ohne grössere Unterbrüche und fast immer entlang der Uferböschung begehbar und hat sich für die Bewohnerinnen und Bewohner des Mendrisiotto praktisch zu einer Quartiergrünanlage entwickelt. Für seine Leistung wurde dem Verein Cittadini per il Territorio der Binding Preis für Biodiversität 2024 verliehen.
Die Entwicklung des Parco del Laveggio, Tessin
Gründung des Vereins «Cittadini per il territorio». Die Idee eines Parkes entlang des Laveggio entsteht. Der Verein will die Entwicklung des Talgrundes mitgestalten.
Der Bund fördert das Projekt im Rahmen des Programms Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung. Kern des Modellvorhabens ist eine Analyse zu möglichen Aufwertungen sowie der Einbezug der Bevölkerung.
Der «Parco del Laveggio» wird im Agglomerationsprogramm der 3. Generation für das Mendrisiotto aufgenommen.
Beginn der Zusammenarbeit mit dem Team von Carlo Romano und Oliviero Piffaretti zur Planung der Umsetzung: Fusswege sollen verbessert und die Identität des Parks gestärkt werden.
Der Parco del Laveggio erhält den Binding Preis für Biodiversität und er wird im Agglomerationsprogramm der 5. Generation für das Mendrisiotto aufgenommen.
Eine erste Phase des Projekts definiert acht Flussabschnitte und formuliert mögliche Massnahmen zu ihrer Aufwertung.
Abschluss der Analyse durch das Laboratorio Ticino der Accademia di architettura Mendrisio sowie den Büros Trifolium und Codesigners.
Das Modellvorhaben wird mit der Publikation des Handbuchs «Progetto modello Parco Laveggio» abgeschlossen.
Der Parco del Laveggio wird offiziell eingeweiht.
Weiterentwicklung und Verankerung
Der eingeschlagene Weg soll fortgesetzt werden. Übergeordnete Planungen wie der kantonale Richtplan oder das Agglomerationsprogramm Mendrisiotto nehmen die Vision des Parks auf und entlasten die Initiantinnen und Initianten in einem gewissen Sinne in ihrer Rolle als «Hütende» der unbebauten Grünräume. Weitere Massnahmen sind für die kommenden Jahre geplant. Sie sollen den Laveggio noch besser zu einer zusammenhängenden ökologischen Infrastruktur vernetzen.


Der Erhalt von «Restnaturflächen»: Grosser Wert auch für die Bevölkerung.
Im Interview erläutert Grazia Bianchi von den «Cittadini per il territorio», weshalb der Erhalt und die bessere Vernetzung der Naturflächen im Laveggio nicht nur der Biodiversität dienen, sondern auch für die Menschen im Tal wichtig sind.
Grazia Bianchi, welches waren die wichtigsten Umsetzungsschritte auf dem Weg zum Parco del Laveggio?
2014 haben wir die Idee eines Parks entlang des Laveggio als Modellvorhaben beim Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) eingegeben. Unsere Kandidatur wurde angenommen und so konnten wir in der Folge eine Studie durchführen, die untersuchte, wie man vorgehen könnte, um die Naturräume im Mendrisiotto zu schützen. Die Hälfte der Studie wurde durch das Modellvorhaben finanziert, die Mittel für die andere Hälfte haben wir selbst aufgebracht. Diese Studie war der Startpunkt für die Entwicklung des Parco del Laveggio.
Weshalb muss man die Natur im Mendrisiotto schützen?
Das Mendrisiotto ist eine schöne Gegend, aber der Talgrund ist chaotisch. Wir wollten verhindern, dass es schlimmer wird. Die Ergebnisse unserer Studie wurden sowohl vom Bund als auch von Kanton und Gemeinden sehr gut aufgenommen. Allerdings dauerte es danach noch einige Jahre, bis wir mit der Realisierung beginnen konnten.
«Wir wollten nicht nur gegen etwas sein – mit Appellen und Einsprachen – sondern wir wollten etwas Positives für die Region und die Bevölkerung tun. Mit dem ‹Parco del Laveggio› ist ein wichtiges Naherholungsgebiet entstanden.»

Grazia Bianchi
Was geschah dann?
Oliviero Piffaretti und Carlo Romano, zwei junge Architekten, die hier aufgewachsen sind und in Lausanne studiert haben, wollten sich wie wir für die Gegend einsetzen. Im Dialog mit ihnen kamen wir zum Schluss, dass es das Beste wäre, die Unterbrechungen der Wege zu lösen, die im Talgrund durch die Autobahn, die Kantonsstrassen und die grossen Industrie- und Einkaufszonen wie dem «Foxtown» entstanden sind.
Was nahmen Sie sich konkret vor?
Unser Ziel war es, alle Wege entlang des Flusses Laveggio zwischen Stabio und dem See miteinander zu verbinden. Dadurch würden die Menschen aus Mendrisio, Stabio oder Ligornetto rasch den Fluss erreichen und dort spazieren können. Der Projektaufbau gemeinsam mit den beiden Architekten, dem Kanton und den Gemeinden dauerte über drei Jahre.
Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie verwirklichen konnten?
Erstaunlicherweise haben wir fast alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. 2023, im «Jahr des Laveggio», haben wir 1500 Bäume und Sträucher angepflanzt, um für die Spaziergängerinnen und Spaziergänger Schattenzonen zu bilden, einige davon finanziert durch die lokale Bevölkerung. Auch neue Bänke haben wir platziert. Ein weiteres Ziel war eine bessere Beschattung für den Fluss, so dass die Fische weniger stark durch die Erwärmung betroffen sind. Auch daran haben wir gearbeitet. Das aufwändigste Projekt war eine Fussgängerüberführung über eine Zufahrtsstrasse zur Autobahn. Sie ist aus Holz und Stahl und wurde zum Identifikationsobjekt für den Park. Sie verbindet zwei wichtige Teilstücke des Weges miteinander.
Wie wollen Sie verhindern, dass Siedlungen und Gewerbeflächen noch weiter in die Naturräume im Tal hineinwachsen?
Wir haben als Verein Einsprachen eingereicht gegen Projekte, die uns problematisch erschienen. Das ist eines der Instrumente, die wir nutzen. Wir wollen jetzt versuchen, einen Parkperimeter zu etablieren, damit das Parkgebiet besser respektiert und geschützt wird. Der Parco del Laveggio ist allerdings kein offiziell anerkannter Naturpark, da er nicht allen Kriterien entspricht. Er ist zum Beispiel zu klein und zu nahe an der Industrie und an Wohngebieten. Wir nennen ihn aber trotzdem Park! Ein weiteres unserer Engagements war eine Unterschriftensammlung, mit der wir Valera, ein Gebiet von rund 18 Hektaren, retten konnten. Im Mendrisiotto ist sehr wenig unbebaute Fläche übrig, so ist Bauland gefragt. Wir setzen uns deshalb für den Erhalt der übriggebliebenen Flächen ein. Die Tatsache, dass der Park im Agglomerationsprogramm und im kantonalen Richtplan verankert werden konnte, hilft ebenfalls.
Wie hat sich die Trägerschaft des Parco im Laufe der Zeit verändert?
Das ist ein wichtiger Punkt. Zu Beginn war der «Parco del Laveggio» einfach ein Projekt der Cittadini per il territorio. Seit einiger Zeit haben wir jedoch, gemeinsam mit den Gemeinden und dem Kanton, darüber nachgedacht, wer ihn künftig tragen sollte. Wir haben uns für einen Verein entschieden und diesen beispielsweise einer Stiftung vorgezogen. Der neue Verein «Associazione Parco del Laveggio» wurde im Januar 2026 gegründet und hat die Aufgabe, im Sinne des von «Cittadini per il territorio» konzipierten Projekts, die Kontinuität des Austauschprozesses, den Konsens bei der Verwaltung des Parks sowie die Koordination der Massnahmen und Aktivitäten langfristig zu gewährleisten.
Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft aus?
Unsere Hauptaufgabe wird auch künftig die Pflege des Parks sein. Wir möchten mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass nicht noch mehr gebaut wird und dass die Naturflächen im «Parco del Laveggio» erhalten bleiben. Er soll für uns alle ein Ort der Erholung sein.
Haben Sie einen Lieblingsort im Parkgebiet?
Überall dort, wo die Mäander sind. Zum Glück fliesst dieser Fluss als einziger im Talgrund noch in Mäandern, das ist sehr schön. Aber auch die Fussgängerüberführung gefällt mir als Element im urbanen Raum und als architektonisches Objekt.


Teile des Beitrags sind entnommen aus der Broschürensammlung «10 gute Beispiele - Biodiversität und Landschaftsqualität in Agglomerationen fördern»
