Die lange Zeit gefürchteten und in der kollektiven Fantasie von Fabelwesen bevölkerten Alpen erlangten im 18. Jahrhundert dank des wissenschaftlichen Fortschritts und des frischen Blicks von Naturforschern, Schriftstellern und Künstlern ein neues Ansehen. Die Werke des Wissenschaftlers und Dichters Johann von Haller und von Jean-Jacques Rousseau weckten in ganz Europa eine Faszination für die majestätischen Landschaften, die bald erkundet und mit sportlichem Ehrgeiz erobert wurden. Die Erstbesteigungen des Mont Blanc gegen Ende des Jahrhunderts markierten die Geburtsstunde des Alpinismus, der im 19. Jahrhundert sein goldenes Zeitalter erlebte. Dank der Bahnanbindung von Martigny und Vernayaz 1859 wurden das Trient-Tal und die gesamten Alpen für ausländische Gäste bequem erreichbar.
Damit waren die Voraussetzungen für einen dauerhaft in der Landschaft verankerten Tourismus vorhanden: Von London aus dauerte die Fahrt mit dem Zug nur noch zwei Tage, und bald hielt auch die «Fremdenverkehr», wie sie im Tal genannt wurde, Einzug.
Von den Bergpässen zu den Postkutschen
Früher musste man sich eine Reise nach Chamonix redlich verdienen. «Um den Mont Blanc von Martigny aus zu erkunden, gab es laut Reiseführer zwei mögliche Routen: entweder die lange und anstrengende Strecke über den Col de Balme oder über den Tête Noire», erklärt Myriam Volorio Perriard, Historikerin und Expertin für die Tourismusgeschichte des Tals. Die Überquerung des Col de Balme auf über 2200 Metern Höhe galt als sehr beschwerlich. Der Ausbruch des Tête-Noire-Tunnels war ein entscheidender Wendepunkt, denn er ermöglichte den Bau einer für Kutschen befahrbaren Strasse. Bald wurde dort ein Gasthaus eröffnet, das sich zu einem beliebten Rastplatz für zahlreiche Reisende wie die Schriftstellerin George Sand entwickelte.

Mit dem Bau der Bahnlinie entstand eine neue Verkehrsverbindung durch das Trient-Tal. «Nach und nach entwickelte sich der Saumpfad zur Postkutschenroute, auf der leichte, als «Voiturettes» bezeichnete Kutschen verkehrten. Allerdings waren nicht alle Streckenabschnitte einfach zu bewältigen. Bisweilen mussten die Reisenden aussteigen und die Pferde ausspannen, um Engstellen zu passieren. Der Weg war also nicht hindernisfrei.» Die im Inventar der historischen Verkehrswege der Schweiz aufgeführte emblematische Verbindung entwickelte sich zu einer Kultur- und Wanderroute und ist heute noch ein Tourismusmagnet.
Anfänge des Tourismus
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Alpentourismus zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig auf. Diese Entwicklung wurde durch die Verbreitung von Reiseführern, die schrittweise Etablierung des Hotelgewerbes und den Ausbau der Gasthäuser vorangetrieben, die bereits seit den 1820er-Jahren im Tal existierten und ab den 1860er-Jahren stark expandierten. Allerdings kämpfte die fragile Branche – damals gab es nur den Sommertourismus – mit hohen Kosten. «Da die Reisenden auf dem Weg nach Chamonix Rast machen wollten, entstanden entlang der Route immer mehr Gaststätten. So entwickelte sich der Tourismus nach und nach», berichtet Myriam Volorio Perriard. Die Talbewohner nutzten die Gelegenheit und begannen, sich als Kutscher, Maultiertreiber, Portiers oder Gastwirte ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
«Entlang der Route entstanden immer mehr Gaststätten. So entwickelte sich der Tourismus nach und nach.»
Myriam Volorio Perriard
Historikerin
Bergluft-Tourismus
Das Trient-Tal wurde bald zu einem Erholungsort. Die Touristinnen und Touristen auf dem Weg nach Chamonix – der Lieblingsdestination der ersten Reisenden – erkannten die Schönheit der Landschaft und verweilten immer länger dort. «Der Tourismus veränderte sich vom reinen Durchgangstourismus auf dem Weg nach Chamonix hin zu einem Erholungstourismus. Die Menschen verweilten hier und blieben mehrere Monate im Tal. Gleichzeitig entstand ein Kur- und Bergluft-Tourismus.» Die gesunde, deren «moralische» Tugenden bereits Rousseau lobte, begünstigte den Aufschwung des Gesundheitstourismus und der Thermalorte. Hinzu kam «das nostalgische Streben nach einem einfachen, reinen Leben, das es in den Städten scheinbar nicht mehr gab», erklärt Myriam Volorio Perriard. Die Touristinnen und Touristen aus Europa fühlten sich durch das Bild einer von den Wechselfällen der Industriegesellschaft verschonten Schweiz angezogen.
Sagenumwobene Alpen
Bis ins frühe 18. Jahrhundert assoziierten die Menschen die Bergwelt mit furchterregenden Fabelwesen, und in den Werken bestimmter Gelehrter wurden weiterhin Ungeheuer und Drachen erwähnt. Mit dem Fortschritt der Wissenschaften und besonders der Biologie wurden die Alpen um die Jahrhu

Bezwingung des Mont Blanc
Mit den Erstbesteigungen des Mont Blanc 1786 und 1787 nahm der Alpinismus seinen Anfang. Chamonix wurde zu einem beliebten Reiseziel.

Aufschwung des Fremdenverkehrs
Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Postkutschenroute dem Trient-Tal eine befahrbare Verbindung nach Chamonix. Der Tourismus erhielt dadurch Auftrieb, und entlang der Strecke wurden zahlreiche Hotels gebaut. Heute steht die Postkutschenroute als historischer Weg unter Denkmalschutz

Neue Eisenbahnlinie
Die ab 1902 gebaute und 1906 eröffnete Bahnlinie Martigny–Chamonix wurde in erster Linie für den Tourismus konzipiert. Die geradezu abenteuerliche Streckenführung ab Vernayaz in schwierigem Gelände wurde zu einer eigenen Attraktion: Tunnel, Viadukte und Brücken über schroffe Schluchte

Einfluss der Literatur
Die Literatur spielte bei der Anziehungskraft der Alpen ebenfalls eine entscheidende Rolle: Das Gedicht Die Alpen von Johann von Haller (1732) und der Briefroman Die neue Heloise von Rousseau (1761) weckten in ganz Europa eine neue Faszination für die Alpenlandschaften.
Anfänge des Tourismus
Die Anbindung von Martigny und Vernayaz an die Simplonlinie führte zu mehr Verkehr im Tal und trieb so die touristische Entwicklung voran.

Luxushotels in den Alpen
Das 1870 eröffnete Grand Hôtel des Gorges du Trient – das exklusivste Haus im Tal – stand ganz in der Tradition der alpinen Luxushotels. Auf Initiative der Gemeinde Salvan wurde mit diesem Hotel die touristische Entwicklung von Salvan und Finhaut vorangetrieben.

Tourismus im Niedergang
Mit dem Ersten Weltkrieg, der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und dem Zweiten Weltkrieg blieben die Hotelgäste aus. Der Tourismus brach ein und zahlreiche Hotels wurden für die Unterbringung von Internierten genutzt. 1916 wurden in Finhaut 300 französische Kriegsgefangene aufgen
Blütezeit
Das goldene Zeitalter des Tourismus vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert veränderte die Ortsbilder: Hotels, Restaurants und Chalets schossen wie Pilze aus dem Boden. «Ab 1860 wurden im Zusammenhang mit dem Ausbau der Postkutschenroute Hotels gebaut», erklärt der Geograf Sandro Benedetti. 1906 wurde die Eisenbahnverbindung Martigny–Chamonix mit dem Bahnhof Châtelard als Wahrzeichen eröffnet. Das Grand Hôtel des Gorges du Trient in Vernayaz verkörperte diese Glanzzeit und bot insbesondere einen Ausgangspunkt für den Besuch der nahe gelegenen Trientschlucht.

Turbulentes 20. Jahrhundert
Der Erste Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und der Zweite Weltkrieg versetzten der aufstrebenden Hotellerie den Todesstoss. Die Besucherzahlen brachen ein und die Hotels wurden umgenutzt. Während der beiden Weltkriege wurden in den Hotels Internierte – ausländische Gefangene, Soldaten und Zivilpersonen – untergebracht. Später dienten sie als Präventorien bzw. Sanatorien für Tuberkulosekranke. «Das Grand Hôtel in Les Granges in der Gemeinde Salvan wurde zu einem Präventorium umgebaut. Heute dient es als Jugendheim», erzählt Sandro Benedetti. In den 1950er- und 1960er-Jahren mussten zahlreiche Betriebe schliessen. «Alles war auf den Sommertourismus ausgerichtet. Manche Unterkünfte waren ungeheizt und daher im Winter unbewohnbar.»

Schluchten, Wasserfälle und Gipfel
Zur Unterhaltung der Feriengäste der «englischen Kolonie», wie sie in Finhaut genannt wurde, fanden «mondäne» Veranstaltungen wie Bälle, Vorträge und Kulturabende statt. «Die Gäste reisten mit Personal und Familienmitgliedern an und blieben mehrere Monate lang», erklärt Myriam Volorio Perriard. Das Hauptinteresse der Touristinnen und Touristen galt jedoch den Naturschönheiten. Die ausländischen Gäste begeisterten sich für Gipfeltouren und Wanderungen. Ein besonderes Highlight war der Pissevache-Wasserfall. Künstlerinnen und Künstler verewigten den imposanten Wasserfall ebenfalls in ihren Werken und verhalfen ihm so zu internationaler Bekanntheit. Der heutige Wanderweg durch die Trientschlucht gibt den Blick auf den darunter liegenden Wasserfall frei, der als beeindruckendes Naturschauspiel galt und romantisch verklärt wurde. So schrieb Goethe im Jahr 1779 nach der Betrachtung des Wasserfalls: «Endlich traten wir vor den Wasserfall, der seinen Ruhm vor vielen andern verdient.»
Label für das Trient-Tal
Regionen mit einem aussergewöhnlichen Natur-, Landschafts- oder Kulturerbe können mit Unterstützung des Bundes den Status eines Parks von nationaler Bedeutung erhalten. Diese Anerkennung beruht auf dem gemeinsamen Engagement von Bevölkerung, Gemeinden und Kanton. Ziel ist es, besiedelte ländliche Gebiete aufzuwerten und gleichzeitig eine nachhaltige wirtschaftliche und touristische Entwicklung zu fördern. Der Regionale Naturpark Trient-Tal feiert am 2. Mai 2026 den Erhalt des Labels. In den letzten Jahren hat der dortige Tourismus einen kräftigen Aufschwung erlebt. «Während der Corona-Pandemie haben die Besucherzahlen stark zugenommen. Es handelt sich hauptsächlich um Tagesausflügler, die morgens an- und abends wieder abreisen», erklärt Projektleiterin Héline Premand. Vor diesem Hintergrund soll das Label helfen, diese Entwicklung zu begleiten. «Das Parkprojekt kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Es trägt zur besseren Steuerung eines möglichst nachhaltigen Tourismus bei.» Ziel ist nicht, mehr Besucherinnen und Besucher anzulocken, sondern die Erlebnisqualität zu verbessern: «Unser Motto ist nicht mehr, sondern besser.»
