Die unscheinbare Styx-Binse weiss sich gut zu tarnen. Doch es lohnt sich, nach ihr Ausschau zu halten: «Ihre Blüten, die sogenannten Tepalen, schimmern in schönen Elfenbeintönen», erklärt Adrian Möhl, Experte bei InfoFlora. «Ihren Namen soll die Pflanze dem Biologen Carl von Linné zu verdanken haben, der sie erstmals beschrieb. Vielleicht sah er sie als einzigen Lichtblick am Ufer des düsteren Flusses Styx. Belegt ist diese Erklärung allerdings nicht», ergänzt Möhl. Er merkt an, die kleinen hellen Tupfer würden gerade in ihrem Lebensraum entlang von Mooren besonders gut zur Geltung kommen.

Die Art wächst am Rand von Mooren und ist leicht an ihren auffallend hellen Blüten zu erkennen. ©Piemags/nature
Um die Art zu erhalten, zieht der Botanische Garten Bern Styx-Binsen aus Samen heran, die aus natürlichen Beständen stammen. ©DR

Nach dem Rückzug der grossen Gletscher war Juncus stygius im Alpenraum vermutlich weit verbreitet. Aufgrund der fortschreitenden Erwärmung zog sich die Art, die auch als Moor-Binse bekannt ist, jedoch allmählich in höhere Lagen zurück. Mit zunehmender Höhe gibt es allerdings immer weniger Lebensräume, die den ganz spezifischen Wasserbedürfnissen der Styx-Binse entsprechen. Denn sie benötigt Übergangsmoore, die zwar ausreichend mit Wasser versorgt, jedoch auch nicht zu feucht sind. «Die anthropogenen Einflüsse im 20. Jahrhundert und die Klimaerwärmung haben diese Binsenart weiter zurückgedrängt», unterstreicht Sarah Ettlin, Biologin bei InfoFlora, die sich vor Ort intensiv für den Schutz der Pflanze einsetzt.

Nur noch zwei Populationen

Die arkto-alpine Art ist in der Schweiz vom Aussterben bedroht. Natürliche Bestände gibt es nur noch an zwei Standorten in den Hochmooren bei Sörenberg (LU). Die wenigen anderen Populationen, die vor 1900 erfasst wurden, sind verschwunden. Als mögliche Ursachen dafür gelten die Errichtung des Sihl-Staudamms, der Torfabbau am Zugerberg und der Bau von Skipisten. Viele andere Pflanzenarten, insbesondere solche, die ebenfalls in Feuchtgebieten heimisch sind, teilen das Schicksal der Moor-Binse, wie Adrian Möhl bedauert: «Ein Drittel aller Schweizer Pflanzen steht auf der Roten Liste.»

Die Styx-Binse kommt nur noch in einer Höhe von 1500 Metern über Meer bei Sörenberg im Kanton Luzern vor. ©Christoph Rüegg

Die Überwachung der letzten beiden verbliebenen Populationen der Styx-Binse zeigt, dass diese sich in keinem besonders guten Zustand befinden. Der Kanton Luzern liess daher einen der Standorte einzäunen, um die Pflanzen vor Trittschäden durch Hirsche zu schützen. Trotz dieser Massnahme habe sich die Styx-Binse im Gegensatz zu anderen für Moorlandschaften typische Arten im betreffenden Bereich kaum weiter ausbreiten können, sagt Sarah Ettlin. Warum sich Juncus stygius dort nicht stärker vermehrt, ist bislang unklar.

Investition in die Zukunft

Seit 2020 zieht der Botanische Garten Bern erfolgreich Styx-Binsen aus Samen heran, die aus natürlichen Beständen stammen. Die daraus hervorgegangenen Jungpflanzen wurden in den Jahren 2021, 2023, 2024 und zuletzt im Frühling 2026 in einem neuen, sorgfältig dokumentierten Gebiet im Raum Sörenberg wiederangesiedelt. Derzeit überlebt diese Population zwar, doch sie vermehrt sich noch nicht. Die Forschenden hoffen dennoch, dass sich ihre Schützlinge künftig selbstständig fortpflanzen werden.

«Wir tun das nicht aus wissenschaftlichem Übereifer, sondern weil es schlicht und einfach notwendig ist», betont Adrian Möhl. «Wildpflanzen sind nämlich oft mit Kulturpflanzen verwandt.» Dies ist auch bei der Styx-Binse und einer Futterpflanze der Fall. Damit stellt die Binse ein wertvolles Genreservoir dar, das künftig bei der Bekämpfung von Schädlingen oder Krankheiten von Nutzen sein könnte. «Die Erforschung und der Erhalt der Styx-Binse sind daher eine Investition in die Zukunft», schliesst Möhl.