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der Eismasse verloren die Schweizer Gletscher in den letzten 10 Jahren.






20 Jahre BAFU

«Machen Sie sich aus dem (Fein)Staub»: Mit diesem Motto warben die SBB 2006 für den öffentlichen Verkehr. Die augenzwinkernde Kampagne hatte einen ernsten Hintergrund: die hohe Feinstaubbelastung. Seither hat sich die Luftqualität deutlich verbessert. Blitzlichter aus 20 Jahren zeigen, wie Umweltpolitik den Alltag konkret beeinflusst.
Feinstaub, ein Schadstoffgemisch mit zum Teil Krebs erzeugender Wirkung, sorgte 2006 für prominente Schlagzeilen. 4 von 10 Menschen lebten damals an Orten mit teilweise zu hoher Belastung. Im Februar 2006 war die Feinstaubbelastung sehr hoch. Zug handelte als erster Kanton und nach ihm weitere: Sie verfügten für einige Tage Tempo 80 auf Autobahnen, ein Novum für die Schweiz. Im Juni dann beschloss der Bundesrat einen Aktionsplan gegen Feinstaub, weitere Massnahmen folgten. Die aktive Luftreinhalte-Politik der früheren und folgenden Jahre trug Früchte: Die Luftqualität stieg stetig.


Die Feinstaubbelastung wurde halbiert, die Zahl vorzeitiger Todesfälle sank seit 2005 um rund 60 Prozent. Obwohl es auch heute noch zu übermässigen Feinstaubbelastungen kommen kann, gehört die Verbesserung der Luftqualität zu den grossen Erfolgen der Umweltpolitik der letzten Jahrzehnte. Mit umsichtigem Handeln und konsequentem Einsatz der besten verfügbaren Technik kann die Luftbelastung weiter vermindert werden, was einen beachtlichen Gesundheitsnutzen mit sich bringt.
Wer sich 2006 mit der Bahn aus dem Staub machen wollte, tat dies oft mit einem herkömmlichen Papierbillett. Die SBB lancierten damals zwar ein mobiles Ticket, aber es lief harzig. Mittlerweile ist der Alltag vieler sehr digitalisiert, Zugbillette gibt es auf dem Mobiltelefon, Kleider werden im Onlineshop bestellt, Arzt- oder Coiffeurtermine werden online gebucht, Zeitungen landen nicht mehr im Briefkasten, sondern auf einer App.

Die Digitalisierung brachte verschiedene Vorteile für die Umwelt – mit der Digitalisierung kann beispielsweise Material gespart werden, Reisewege werden überflüssig, weil man nicht mehr überall physisch anwesend sein muss. Gleichzeitig steigt durch die Digitalisierung der Energieverbrauch und das trägt zur Emission von Treibhausgasen bei.
Wie bei der Luft gab es auch im Bereich Klima Fortschritte. Moritz Leuenberger, 2006 Bundespräsident und Umweltminister, plädierte damals dafür, eine weltweite CO2-Abgabe einzuführen und Ursachen und Folgen des Klimawandels zu bekämpfen, indem Emittenten von Treibhausgasen rund um den Globus eine Abgabe zahlen. In der Schweiz hat das Parlament im gleichen Jahr die CO2-Abgabe auf Heizöl, Erdgas oder auch Kohle gutgeheissen.


Die Klimagesetzgebung wurde in den letzten 20 Jahren gestärkt. Mit dem Klima- und Innovationsgesetz sind das Netto-Null-Ziel 2050 verankert und die Anpassung an den Klimawandel gestärkt. Das CO2-Gesetz definiert die Massnahmen, wie der Treibhausgas-Ausstoss zum Schutz des Klimas reduziert werden soll.
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der Eismasse verloren die Schweizer Gletscher in den letzten 10 Jahren.
Im Vergleich zu 1990 liegt der Treibhausgasausstoss mittlerweile um 26 Prozent tiefer, Häuser wurden besser gedämmt und klimafreundliche Heizungen eingebaut, auf vielen Dächern wird Solarstrom produziert und die Industrie fördert umweltfreundliche Technologien. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass es noch weitere Anstrengungen braucht, um die Klimaschutz-Ziele der schweizerischen Gesetzgebung zu erreichen (Stichwort «Netto-Null 2050»).
Die Möglichkeiten, um sich mit dem öffentlichen Verkehr aus dem Staub zu machen, haben sich in den letzten 20 Jahren merklich verbessert. Das Netz wurde ausgebaut, der Taktfahrplan verfeinert. Der Lötschberg- und der Gotthard-Basistunnel wurden eröffnet, damit verkürzten sich Reisezeiten. Im Strassenverkehr sind in den letzten Jahren zunehmend Elektroautos zu sehen.
Auch die Solartechnologie fand in den vergangenen zwei Jahrzehnte aus ihrer Nische. Es wurde auch für Private interessanter, mit Solarenergie vom eigenen Dach das Wasser zu erwärmen oder das Elektroauto in der Garage zu laden. Es entstanden Projekte wie die Agriphotovoltaik. Dabei wird landwirtschaftliche Fläche doppelt genutzt – unten reifen Erdbeeren und oben wird Strom produziert. Klug geplante Solaranlagen gefährden auch die Artenvielfalt nicht, im besten Fall können sie unterstützend wirken.

2006 wurde der Steinbock zum Tier des Jahres gewählt, als Symbol einer erfolgreichen Wiederansiedlung 100 Jahre vorher. Auf Wanderungen heute kann man sich mittlerweile wieder über häufigere Sichtungen von Steinböcken freuen. In den 20 Jahren nach 2006 wurden wichtige Instrumente für den Schutz der Artenvielfalt geschaffen: Zuerst die bundesrätliche Strategie Biodiversität und später Aktionspläne mit konkreten Massnahmen.

Heute lässt sich feststellen, dass häufig vorkommende Arten zulegen, spezialisierte Arten hingegen haben es aber weiterhin schwer. Zudem nimmt die Vielfalt von Artengemeinschaften ab. Einen wichtigen Beitrag leisten vielfältige Gewässer. Um sie aufzuwerten und zu vernetzen, wurden mit der Revision des Gewässerschutzgesetzes über 260 Kilometer Fliessgewässer naturnah umgestaltet.

In den vergangenen Jahren wurde immer deutlicher, dass es weder für die Wirtschaft noch für die Umwelt zukunftsfähig ist, laufend Ressourcen wie Wasser, Land oder Öl zu nutzen, etwas zu produzieren und dann wegzuwerfen. Die starke Beanspruchung von natürlichen Ressourcen rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit. Unternehmen erkannten, dass es billiger kommen kann, Materialien wiederzuverwenden, als neue zu kaufen. Neue Märkte und Dienstleistungen entstanden, nachhaltigere Produkte gewannen an Beliebtheit.
Ansätze hin zur Kreislaufwirtschaft wurden zwar schon seit Mitte der 1980er Jahre verfolgt. Lange Zeit beschränkte sich das Verständnis jedoch weitgehend auf das Recycling. Mittlerweile steht der Begriff Kreislaufwirtschaft für den gesamten Lebenszyklus von Produkten, Materialien und Bauwerken. Ziel ist es, diese so lange wie möglich zu nutzen, zu reparieren, wiederzuverwenden und aufzubereiten – und erst am Ende ihres Lebenszyklus zu recyceln. Wirtschaft und Politik haben das grosse Potenzial der Kreislaufwirtschaft erkannt und verfolgen Ansätze, um die Kreislaufwirtschaft zu stärken und den Materialverbrauch zu reduzieren.
Seit 2006 Jahren gibt es das Bundesamt für Umwelt BAFU. Es geht auf das ursprüngliche Bundesamt für Umweltschutz zurück, das 1971 gegründet wurde. In diesen Jahren stieg das Umweltbewusstsein in der Schweiz und Umweltfragen wurden politisch relevanter. Das BAFU hat heute den Auftrag, die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen wie Klima, Boden, Wasser, Luft, Ruhe und Wald sicherzustellen. Es ist verantwortlich für den Schutz vor Naturgefahren, bewahrt die Umwelt und die Gesundheit der Menschen vor übermässigen Belastungen, sorgt für die Erhaltung der Biodiversität und der Landschaftsqualität und ist zuständig für die internationale Umweltpolitik. Das Amt verwaltet gut 1 Milliarde Franken. Das entspricht etwa 1,3 Prozent des Budgets der Eidgenossenschaft. Rund 81 Prozent der Mittel werden für Subventionen und Rückverteilung von Lenkungsabgaben verwendet.
Der Materialfussabdruck der Schweiz ist sowohl absolut als auch pro Person gesunken. Rund 15 Prozent des gesamten Materialverbrauchs stammen aus der Rückgewinnung. Es besteht weiterhin viel Potenzial, etwa beim Bau von Gebäuden und Strassen, den Verpackungen und den Siedlungsabfällen. Mit rund 670 Kilogramm Siedlungsabfall pro Person liegt die Schweiz deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Damit weitere Fortschritte erreicht werden, wurde 2024 das Umweltgesetz mit wichtigen Massnahmen ergänzt.
In den vergangenen Jahrzehnten hat der Verkehr von Gütern und Menschen zugenommen. Mit im Gepäck oder im Güterwagen reisten auch exotische Passagiere in die Schweiz: der Japankäfer oder der Asiatische Laubholzbockkäfer etwa, sie richten Schaden an Bäumen oder der in der Landwirtschaft an. Auch die Tigermücke hat sich in der Schweiz ausgebreitet. Solche sogenannt invasiven Arten können die Gesundheit von Menschen und Tieren beeinträchtigen, wirtschaftliche Schäden oder Ernteverluste verursachen oder sich auf die Artenvielfalt auswirken.

2006 publizierte das BAFU erstmals eine Übersicht über die invasiven Arten in der Schweiz. Basierend darauf erliess der Bund darauf Bestimmungen für den Umgang mit invasiven Arten, die ein Umgangsverbot für gewisse besonders problematische Arten wie die Aufrechte Ambrosie, den Riesenbärenklau oder auch das Schmalblättrige Greiskraut, das durch seine Giftigkeit Mensch und Vieh gefährdet, umfassten. Diese Arten dürfen weder angepflanzt, gepflegt noch weitergegeben werden.
Seit 2016 hat die Schweiz eine Strategie zu invasiven gebietsfremden Arten. Als Folge davon wurde die Übersicht über die invasiven Arten aktualisiert und seit 2024 fallen mehr unter das Umgangsverbot. Für einige weitere Arten wurde das Inverkehrbringen verboten. Diese dürfen weder verkauft, verschenkt noch in die Schweiz eingeführt werden. Momentan laufen Bestrebungen, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, um die Prävention und die Bekämpfung weiter zu stärken. Der Indikator zeigt, dass es diese Stärkungen braucht.
Schweizer Pärke – 2006 verabschiedete das Parlament eine Teilrevision des Natur- und Heimatschutzgesetzes und legte damit einen wichtigen Grundstein: Der Bund kann Pärke von nationaler Bedeutung anerkennen und fördern. 20 Jahre später existieren zusammen mit dem Schweizerischen Nationalpark 20 Pärke. Diese umfassen 6055 km2, das sind knapp 15% der Landesfläche. 233 Gemeinden und 330'000 Einwohnenden engagieren sich dank diesem Instrument für die Förderung von Natur und Landschaft.


In den letzten 20 Jahren konnten Lärmschutzmassnahmen an der Quelle stark ausgebaut und die Lärmbelastung der Bevölkerung reduziert werden. Das Sanierungsprogramm des Bundes beim Eisenbahnlärm umfasste den Umbau des Rollmaterials und das Verbot besonders lauter Güterwagen im Schweizer Schienennetz. Beim Strassenlärm zeigte vor allem die neue Vereinbarung mit den Kantonen im Jahr 2008 grosse Wirkung. Dabei wurde insbesondere der Einbau von lärmarmen Belägen gefördert.
Gesellschaft und Wirtschaft nehmen eine intakte Umwelt immer stärker als zentrales Element für ihr Wohlergehen wahr. Die nachhaltige Nutzung von natürlichen Ressourcen entwickelt sich mehr und mehr zu einem relevanten Wirtschaftsfaktor. Wie ihre Nachbarländer auch hat die Schweiz im Umweltbereich grosse und sich verändernde Herausforderungen. Die Umweltpolitik wurde Schritt für Schritt angepasst, was zu Fortschritten zugunsten der Umwelt führte. Studien im Auftrag des BAFU zeigen, dass die Gesamtumweltbelastung der Schweiz seit dem Jahr 2000 zurückgegangen ist.
Es bleibt aber noch viel zu tun, um die Belastung auf ein naturverträgliches Mass zu bringen. Zudem kommen neue Fragestellungen hinzu und schon bestehende Herausforderungen akzentuieren sich. So etwa im Bereich umweltgefährdender Altlasten. Viele Altlasten-Standorte – an die Hälfte – sind saniert. Die Altlasten-Sanierung wird als Erfolgsgeschichte gesehen. Es werden aber weitere Standorte hinzukommen, etwa solche, die mit PFAS verunreinigt sind. Diese Untersuchungen stehen erst am Anfang. Der Politik wird die Arbeit nicht ausgehen.