Eine vegane Wurst auf einem abwaschbaren Teller essen und nach dem Spiel mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause fahren: Für Tausende Fans der Young Boys Bern ist dies zur Gewohnheit geworden. Der Fussballverein hat wie kein anderer in der Super League in Nachhaltigkeit investiert. Damit belegt er im Nachhaltigkeitsbericht der Swiss Football League den ersten Platz.
Nachhaltigkeit spielt heute bei der Organisation von Grossveranstaltungen eine entscheidende Rolle. Die Kantone und Städte, die Mitglieder des Schweizer Verbands für nachhaltige Events (SVNE) sind, haben eine Liste mit knapp 60 Empfehlungen für die Organisationskomitees erarbeitet. Diese Liste bildete auch die Planungsgrundlage für zwei Grossveranstaltungen im Frühjahr und Sommer 2025: den ESC in Basel und die Fussball-EM der Frauen. «Wir haben bei unserem Engagement und unseren Kompetenzen im Bereich nachhaltige Veranstaltungen einen grossen Sprung nach vorne gemacht», erklärt Kaarina Riesen, Nachhaltigkeitsverantwortliche der Stadt Basel.
Die Nachhaltigkeitsberichte über den ESC und die Fussball-EM sind Ende 2025 erscheinen. Martin Müller, Autor von renommierten Arbeiten zur Nachhaltigkeit der Olympischen Spiele (s. Kasten), wird diese Ergebnisse aufmerksam prüfen. «Grossveranstaltungen mit null CO2-Emissionen scheinen unmöglich. Doch heute wird von den Veranstalterinnen und Veranstaltern erwartet, dass sie sich an das Pariser Übereinkommen halten und dies genau dokumentieren», erklärt der Geografieprofessor der Universität Lausanne. «Die Klimaziele mithilfe von CO2-Kompensationen zu erreichen, ist nicht mehr akzeptabel. Die lokalen Auswirkungen von Veranstaltungen müssen begrenzt und analysiert werden. Dies gilt besonders für die negativen Effekte, die auf die drei Hauptfaktoren Mobilität, Bau neuer Infrastrukturen und Betrieb (Abfall, Verpflegung usw.) zurückgehen.»
Etablierung neuer Praktiken
Über die Umweltbelastung der beiden Grossveranstaltungen wollen die Verantwortlichen ehrlich und transparent berichten. Kaarina Riesen verspricht: «Wir werden keinen Marketingbericht liefern, in dem nur das gute Wetter erwähnt wird, sondern auch darauf hinweisen, was nicht funktioniert hat.» Sie lobt die Kreativität und das Engagement aller Akteure, die in kurzer Zeit Lösungen gefunden haben (die Gastgeberstadt wurde erst neun Monate vor der Eröffnungsfeier bestimmt). Andere könnten davon lernen.
Ein Beispiel dafür ist die Kreislaufwirtschaft. «Mit grossem Engagement konnte ein lokaler Verein aus den Fahnen und Bannern des Host City Dressings Upcycling-Projekte wie Taschen und andere Objekte realisieren. Kreislaufwirtschaft war ein Schwerpunktthema. Mehrweggeschirr ist in Basel seit 2015 Standard an Veranstaltungen. Aber da die Besucherinnen und Besucher auch ihre eigenen Getränke und Lebensmittel mitbringen, hat die Stadtreinigung genügend Abfalltrennstationen bereitgestellt und für Sauberkeit gesorgt», erklärt Kaarina Riesen. Dank regionaler Partnerschaften in der Schweiz und mit dem Ausland wurde das öffentliche Verkehrsangebot ebenfalls stark ausgebaut. Während des ESC fanden über 850 zusätzliche Tram- und Busfahrten statt und 100 Extrazüge wurden eingesetzt. In einer Mitteilung des Kantons Basel-Stadt steht dazu: «Am Abend des Finales waren die Parkplätze der Stadt nur zu 50 Prozent ausgelastet.»
Ein weiterer Erfolgsfaktor war laut Kaarina Riesen das Know-how in Sachen Nachhaltigkeit der Veranstaltungsorte, z. B. des Messezentrums. Wesentlich war auch die politische Unterstützung. «Beim ESC war die Nachhaltigkeit bereits im Pflichtenheft der Organisatorin SRG ein wichtiges Kriterium. Zudem war ich Teil des Kernteams und konnte mich entsprechend einbringen. Ein weiterer Erfolgsfaktor war die Unterstüptzung durch den Gesamtprojektleiter der Stadt, Beat Läuchli. Und schliesslich hat die Tatsache, dass der Regierungsrat sich wiederholt zur Nachhaltigkeit geäussert hat, dem Thema in der breiten Öffentlichkeit grosse Aufmerksamkeit beschert.»

Für eine Medienveranstaltung im Rahmen des ESC wird in der Basler St. Jakobshalle ein Bühnenelement aufgebaut. Laut der SRG SSR kommen bei der Show eine ressourcenschonende Technologie und wiederverwendbare Module zum Einsatz. ©TIL BUERGY/KEYSTONE
Nützliche Erkenntnisse für die Zukunft
Im Rückblick lassen sich viele wertvolle Schlüsse für andere Veranstaltungen ziehen. Einiges würde auch Kaarina Riesen heute anders machen. «Die Beschaffung von nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen haben wir so gut wie möglich berücksichtigt – aber da geht in Zukunft noch mehr. Aufgrund des Zeitdrucks mussten wir zum Beispiel die Cateringfirmen auswählen, bevor die Kriterien für nachhaltige Gastronomie fertig entwickelt wurden. So waren viele Kriterien auf der Checkliste ‹nice to have› statt ‹must have›. Immerhin klappte es mit dem hohen Vegianteil von 75 Prozent auf den Menülisten.»
Beim nächsten Mal würde die Nachhaltigkeitsexpertin im Vorfeld eine gemeinsame Kommunikationsstrategie der verschiedenen Dienststellen zur Veranstaltung definieren. «Wie wollen wir über Nachhaltigkeit kommunizieren?» Innerhalb der Verwaltung gingen die Meinungen zu diesem Thema auseinander.
Ausserdem hätte sich das Team mehr Zeit gewünscht, um zu überprüfen, ob die Schulungen richtig verstanden und umgesetzt wurden. «Künftig würde ich gerne vermehrt auf die Zusammenarbeit mit den Sponsoren setzen und eine gemeinsame Charta verabschieden. Es ist wichtig, dass sie ihre Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit wahrnehmen.»
Kits für die Veranstalter
Neben den einmaligen Events finden in der Schweiz jedes Jahr rund 230 000 grosse und kleine Veranstaltungen statt. Zur Verbesserung der Umweltbilanz verfügen die Organisationskomitees über Instrumente auf nationaler Ebene. Dazu gehört z. B. die neue Plattform EVENTProfil des SVNE, auf der man sich strukturiert durch die rund 60 Empfehlungen klicken kann. Auch in den Kantonen werden Anstrengungen unternommen. Waadt bietet beispielsweise das «KITmanif» an. Auslöser für die Einführung war die Laufveranstaltung «20 km de Lausanne» im Waadtländer Hauptort mit über 35 500 Teilnehmenden. «Wir müssen in der Region eine Vorbildrolle einnehmen», bestätigt Xavier Bassols, Eventmanager beim Sportamt der Stadt Lausanne.

Beim Lauf «20 km de Lausanne» wurde die Umweltbelastung durch zahlreiche Massnahmen reduziert. Beim Anlass vom April 2025 mit über 35 500 Läuferinnen und Läufern konnte der ÖV gratis genutzt werden und es wurde auf Goodies und Einweggeschirr verzichtet. Ein Problem ist jedoch noch ungelöst. Die Umweltbelastung, die durch die Produktion der viel zitierten T-Shirts für diesen Sportevent verursacht wird. Die Organisatoren wollen die daraus resultierende Umweltbelastung senken. © Lilian Menetrier 36
Bereits 2017 konnte man von überall in der Schweiz mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kostenlos zum Halbmarathon nach Lausanne fahren. «Beim Zahlen der Anmeldegebühr konnte man ein Gratisbillett beantragen. Im Jahr 2025 haben rund 20 Prozent – also etwa 6500 Personen – dieses Angebot genutzt. Die übrigen sind mit dem Auto, dem eigenen öV-Abonnement, zu Fuss oder mit dem Velo angereist.» Das Gros des Materials (Absperrungen, Schilder, Liegestühle) stammt ausserdem von nachhaltigen Lieferanten und muss bei anderen Veranstaltungen wiederverwendet bzw. weiterverkauft werden können. «Wir haben bewusst keine Goodies verteilt.» Ausserdem haben die Veranstalter das ab dem nächsten Jahr in Lausanne gültige Verbot von Einweggeschirr bereits umgesetzt.
Eine weitere Herausforderung neben den Kosten der Massnahmen bildet die Beschaffung. «Wir bestellen für unsere Teilnehmenden über 30 000 T-Shirts mit einem Label und mit Rückverfolgbarkeitsgarantie in China. Ich möchte aber die durch die Herstellung verursachte Umweltbelastung reduzieren», erklärt Xavier Bassols. «Ein Verzicht auf die T-Shirts steht derzeit nicht zur Debatte, weil sie von den Läuferinnen und Läufern oft weitergetragen werden und einen wichtigen Werbeträger für uns darstellen. Die Medaillen dagegen landen oft in einer Schublade. Deshalb verteilen wir sie an Erwachsene nicht mehr kostenlos.»
Die Städte und Regionen sollten nicht nur ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele definieren und einhalten, sondern die Frage genau umgekehrt stellen, fordert Martin Müller: «Man sollte sich fragen, welche Veranstaltung zu seiner Stadt oder Region passt, anstatt zu überlegen, wie diese sich an die Veranstaltung anpassen kann.»
Seit 2024 muss jeder Fussballverein der Super League eine Nachhaltigkeitsbeauftragte bzw. einen Nachhaltigkeitsbeauftragten ernennen und eine entsprechende Strategie entwickeln. Diese Funktion gibt es bei den BSC Young Boys in Bern schon seit mehreren Jahren. «Als Fussballclub mit einer starken emotionalen Verbindung und einer grossen Reichweite tragen wir Verantwortung gegenüber unseren Fans, der Stadt, der Region und sogar der ganzen Schweiz», erklärt der Beauftragte Timon Lanz. Im letzten «Sustainability Ranking» der SFL ist YB Spitzenreiter. YB erfüllt die Kriterien zu 77 Prozent und liegt damit weit vor dem FC Winterthur (47 %) und dem FC Basel (46 %).
Der Verein misst seinen CO2-Fussabdruck in jeder Saison. In der Saison 2023/24 entfiel über die Hälfte der CO2-Emissionen von YB auf die Mobilität (52,7 %, davon 43 % Fan-Mobilität), gefolgt von der Produktion von Material und Dienstleistungen wie Merchandising oder Rasen (39,8 %), Vereinsfahrzeugen (3,6 %), Energie (3,2 %) sowie Abfall und Recycling (0,8 %).
Timon Lanz ist stolz auf die kontinuierlichen Fortschritte. «Dank unserer eigenen Gastronomie haben wir ein Angebot entwickelt, das zu 50 Prozent fleischlos ist. Ausserdem konnten wir im Restaurant Eleven den Foodwaste stark reduzieren, indem wir eine KI-basierte Software mit Bild- und Gewichtsmonitoring einsetzen.» Mit dieser Strategie erreichte der Anteil der nachhaltigen Mobilität (öffentliche Verkehrsmittel, Velo, Fussverkehr, Elektrofahrzeuge) 69 Prozent. Zusammen mit der Super League entwickelt der Club zudem ein Carsharing-Tool.
Die Nachhaltigkeitsmassnahmen werden allerdings von der wirtschaftlichen Unsicherheit überschattet. «Wir haben uns das Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren, und wir sind fest entschlossen, dieses Ziel zu erreichen. Allerdings sind die Einkommen, die uns Investitionen in diese Strategie ermöglichen, an die sportlichen Resultate unseres Clubs gebunden. Das ist eine Herausforderung, mit der alle Sportvereine konfrontiert sind.»
Olympische Spiele: Ökologie und Gigantismus
Die Schweiz wird möglicherweise 2038 die Olympischen Winterspiele organisieren – 90 Jahre nach der letzten Austragung auf schweizerischem Boden in St. Moritz. Nachhaltigkeitsfragen werden dabei für die Schweiz eine grosse Bedeutung haben. «Mega-Events im Sport folgten in den letzten Jahrzehnten einem ähnlichen Muster: Die Veranstalter versprachen immer nachhaltigere Spiele, erreichten ihre Ziele jedoch meist nicht», erklärt Martin Müller, Geografieprofessor an der Universität Lausanne.
Zur Verbesserung der Umweltbilanz der Olympischen Spiele gibt es mehrere Optionen. «Eine Möglichkeit bestünde darin, diese Veranstaltungen zeitlich und räumlich weniger stark zu konzentrieren. Dadurch würden die Infrastrukturen der Stadt weniger belastet und bestehende Einrichtungen besser genutzt.» Laut dem Experten muss auch die Besucherzahl begrenzt und der Gigantismus gebremst werden, indem das erweiterte digitale Angebot für das Fernsehpublikum stärker ausgebaut wird. Die Nachhaltigkeitskonzepte sollten über einen unabhängigen Monitoringmechanismus mit klaren Zielen kontrolliert werden.
