Praktische Infos
Vom Bahnhof Poschiavo aus nimmt man das Postauto (701, 702) bis zur Haltestelle «San Carlo, Raviscé». Anschliessend geht man rund 800 Meter zu Fuss in Richtung Norden (über Raviscé, dann Via Da Robbia), um zur Käserei zu gelangen, die den Ausgangspunkt der Route bildet. Der Spaziergang, der durch verschiedene Ortschaften führt und den Besuch von verschiedenen Gebäuden ermöglicht, kann zu jeder Jahreszeit unternommen werden. Frühling und Sommer erlauben es jedoch, die grünen Wiesen oder die Getreidefelder vor der Ernte am besten zu geniessen.
Schwierigkeit
Leicht
Dauer
1 Stunde 10 Minuten
Länge
5,5 km
Höhenunterschied
85 m
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es «valle perduta» genannt, das «verlorene Tal». Damals war das Puschlav stark von Landflucht betroffen. Ein grosser Teil der Talbevölkerung war zur Arbeitssuche in die Städte abgewandert. Doch mit der Aufwertung des baukulturellen Erbes, lokaler Autonomie, dem Engagement der Bevölkerung und einer Landwirtschaft, bei der 97 Prozent der Anbauflächen nach biologischen Kriterien bewirtschaftet werden, ist es dem Puschlav gelungen, der Abwanderung entgegenzuwirken und eine beneidenswerte Lebensqualität zu schaffen. Die abwechslungsreiche Landschaft, bei der die alpine Bergwelt auf das milde Klima Norditaliens trifft, ist zum neuen Schatz des Tales geworden. Dank dieser Vielfalt wird heute eine breite Palette an Produkten hergestellt, die von Oliven bis zu Alpkäse reicht. Diese Einsatz zum Wohle der Talbevölkerung wurde 2025 mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet, den der Schweizer Heimatschutz jedes Jahr für besondere städtebauliche Leistungen vergibt.
Nachdem die Region lange isoliert war und erst in den 1960er-Jahren ganzjährig für den Strassenverkehr erschlossen wurde, keimte die Idee, die verschiedenen Glieder der Lebensmittelkette zu verbinden und Produkte zu garantieren, die zu 100 Prozent aus dem Puschlav stammen – vom Feld bis auf den Teller. Heute beteiligen sich 60 Unternehmen am Label «100 % Valposchiavo», mit dem sich die Region die Abgeschiedenheit zunutze macht, die ihr einst geschadet hatte.
Begleiten Sie uns auf der Wanderung von San Carlo nach Poschiavo und entdecken Sie einen Teil dieses Bio-Tals, das von einem starken Gemeinschaftssinn geprägt ist.
Alles beginnt mit Käse
Am Fusse des Berninapasses steht eine der ältesten vollständig biologisch wirtschaftenden Molkereien der Schweiz. Das zwischen Alpweide und Schützenhaus gelegene Gebäude der Genossenschaft Caseificio Valposchiavo verkörpert die Innovationskraft der Teilhabenden. In der modernen Anlage wird jedes Jahr eine Million Liter Milch aus rund fünfzehn Puschlaver Betrieben verarbeitet. Sie alle halten die strengen Vorgaben des «Bio Suisse»-Labels ein und versorgen ihre Kühe ausschliesslich mit Futtermittel aus dem Tal. Während der Öffnungszeiten der Verkaufsstelle können Wanderinnen und Wanderer im ersten Stock durch zwei grosse Fenster Einblick in die Käseproduktion gewinnen. Auf Voranmeldung beim Tourismusbüro sind auch Gruppenführungen möglich, bei denen Interessierte – natürlich mit aufgesetzter Haube – die Anlagen besichtigen können. Dort erklärt ihnen ein Käser die verschiedenen Fabrikationsschritte, von der Milchgerinnung im Kessi bis zur Reifung im Keller. Den Abschluss der Führung bildet eine Verkostung der rund fünfzehn vor Ort hergestellten Produkte, darunter Grottino Bernina, Stella alpina und Raclette.
Gut gestärkt geht die Wanderung weiter Richtung Dorfkern von San Carlo, links an einem Bauernhof vorbei, der für die Käserei Milch produziert, und weiter bis zur Kirche und zum Kirchgemeindehaus. Gianluca Giuliani, Public-Relations-Beauftragter des Caseificio Valposchiavo, erklärt: «Die Puschlaver und Engadiner Bauernhöfe sind seit jeher Teil der jeweiligen Dörfer und liegen nicht überall verstreut wie in anderen Regionen der Schweiz, etwa im Appenzell.» Kurz nach der Postautohaltestelle «San Carlo, Centro» verlässt der Weg beim alten Café-Restaurant die Hauptstrasse und folgt der kleinen Via Vegia hinunter zur malerischen Ponte d’Aino. Diese Brücke überquert den Poschiavino, der das Tal auf seiner ganzen Länge durchfliesst.
Die ganz lokale Getreidemühle
Nach der Steinbrücke führt die Route zwei Mal links bis zu einem symbolischen Ort der ländlichen Gewerbegeschichte, dem Mulino Aino. Seit dem Start der Wanderung sind nun rund 30 Minuten verstrichen. Wie in vorindustrieller Zeit, als hier Metall geschmiedet, Holz gesägt und Getreide gemahlen wurde, läuft die Mühle immer noch mit Wasserkraft. Sie wurde 1801 gebaut, ab 2003 saniert und wird heute wieder zum Verarbeiten von Mais, Weizen und Buchweizen aus dem Puschlav verwendet. «Das ist ein neuralgischer Ort für das Label ‹100 % Valposchiavo›», so der Direktor des Tourismusbüros, Thomas Fries. «Dieses Gütezeichen wurde 2015 eingeführt und wird von ganz unterschiedlichen Partnern der Region getragen – Bauernhöfen, Restaurants, Bäckereien, Metzgereien, Brauereien usw. Sie alle bieten Rohstoffe und verarbeitete Produkte an, die 100 Prozent lokal sind.»
Zurück bei der Brücke können die Besucherinnen und Besucher den Da-Varuna-Weg hinaufgehen. Nach einem kurzen Anstieg erreichen sie eine rote Bank mit Aussicht auf den «Borgo», das Dorf Poschiavo. «Von hier sind die drei Kirchtürme der Gemeinde zu sehen und weiter unten erahnt man, wie das Tal bis zum Lago di Poschiavo abfällt», erläutert Gianluca Giuliani. «Im Südpuschlav, hinter dem Borgo, sind weitere biologische Kulturen wie Beeren und seit Kurzem sogar Olivenbäume zu sehen» (s. Kasten «Knapp 40 Jahre Engagement für die Natur»). Von hier geht es hinab zur Nebenstrasse Via da Prülasch, der man weiter folgt. Zwischen den Häusergruppen liegen hier und da kleine Getreidefelder und Grasweiden. Nach rund 35 Minuten Gehzeit ab dem Mulino Aino gelangt man schliesslich nach Poschiavo, dem Borgo und historischen Zentrum der 3500-köpfigen Gemeinde.
Ein Tal, zwei Gesichter
Geschichtsinteressierte kommen im Museo Poschiavino, das sich im 1655 erbauten Palazzo de Bassus-Mengotti befindet, sowie in der Casa Tomé, einem mehr als 650 Jahre alten Wohnhaus, auf ihre Kosten. Beide Gebäude können von Juni bis Oktober besucht werden und verkörpern die zwei Gesichter des Puschlavs: hier der prächtige Palast der Herrschaften, die Politik und Kultur des Borgo geprägt haben, da ein bescheidenes Wohnhaus, das vom ländlichen Leben zeugt, welches die Talbevölkerung über Generationen geführt hat. Auf Anmeldung kann man in der Casa Tomé an einem Koch-Workshop mit Ornella Isepponi, der Küchenchefin des Ristorante Motrice, teilnehmen. «Sie gehört zu den Wirtsleuten der Region, die besonders konsequent auf Produkte aus biologischer Landwirtschaft setzen», so Gianluca Giuliani. «Mit Buchweizen vom Ort stellt ihr Team die typischen Pizzoccheri her, die es mit Gemüse kocht und mit Käse, Butter, Zwiebeln und rohem Knoblauch anrichtet.»
Nach dem Mittagessen führt die Wanderung zwanzig Minuten am Poschiavino entlang. Über eine Brücke geht es weiter auf die Via dei Palazzi. «Die ‹Palaststrasse› verdankt ihren Namen den stattlichen Gebäuden, die sie säumen. Diese wurden im 19. Jahrhundert von Auswanderern aus Poschiavo erbaut, die als geniale Konditoreiunternehmer in Europa zu Vermögen gekommen waren», erklärt Thomas Fries. Von hier kann die Schule von Poschiavo erreicht werden. Bei der Kirche Santa Maria Assunta eröffnet sich eine hübsche Aussicht auf Felder mit Bio-Getreiden, die zu «100 % Valposchiavo»-Mehl verarbeitet werden.
Gianluca Giuliani schlägt vor, die Wanderung im Borgo mit einem Abstecher zur Verkaufsstelle des Caseificio Valposchiavo abzuschliessen, die sich in der alten Molkerei befindet. «Das Gebäude wurde nach dem gleichen architektonischen Konzept errichtet wie viele andere Schweizer Käsereien, die im Zusammenhang mit dem Plan Wahlen, dem Programm zur innerschweizerischen Lebensmittelversorgung ab 1940, gebaut wurden.» Der Laden ist für die Genossenschaft als Schaufenster genauso wichtig wie die Schaukäserei selbst, weil er direkt neben der touristischen Piazza Comunale liegt. Von hier sind es nur noch 300 Meter bis zum Bahnhof. Dort können die Wandernden entweder die Heimreise antreten oder die Region mit den berühmten roten Zügen der Rhätischen Bahn weiter erkunden.
Knapp 40 Jahre Engagement für die Natur
Seit 1987 wird im italienischsprachigen Bündner Tal Valposchiavo (Puschlav) Bio-Käse hergestellt. «Mein Vater gehörte zu den Pionieren», berichtet Gianluca Giuliani. «1990 entschied sich die Käsereigenossenschaft für 100 Prozent Bio.»
In den 2000er-Jahren entstand die Vision, auch andere Bereiche zu zertifizieren und alle Betriebe im Tal auf Bio umzustellen. «Die Einhaltung der strengen Richtlinien von Bio Suisse ist nicht nur eine Qualitätsgarantie für die Konsumierenden und eine Aufwertung unserer Produkte, sie zeugt auch vom grossen Umweltengagement und von der Authentizität des Puschlavs. So wurden die Nachteile eines von der übrigen Schweiz abgeschnittenen Tales in einen Vorteil umgemünzt.»
Mit 97 Prozent biologischen Anbauflächen ist das Ziel heute beinahe erreicht. «Die verbleibenden 3 Prozent gehören kleinen Hobbybetrieben, für die eine Zertifizierung zu aufwendig wäre.» Mit den vielfältigen Klimazonen und Landschaftsformen im Tal sowie den Ackerterrassen auf den Alpen hat sich die Produktion stark diversifiziert. Über 1800 Höhenmeter liegen zwischen dem Hotel Bernina Hospiz und dem Dorf Campocologno (525 m ü. M.).
