In mühseliger und zum Teil gefährlicher Arbeit werden im Bergbau seltene Materialien gewonnen. Mit diesen Materialien werden Produkte hergestellt, verkauft, genutzt und danach entsorgt. Dieses «Take-Make-Waste»-Modell belastet die Umwelt, verursacht grosse Abfallmengen und verbraucht wertvolle Ressourcen.
Kreislaufwirtschaft zahlt sich aus
Da kommt die Kreislaufwirtschaft ins Spiel. Ihr Ziel ist es, Materialien und Produkte so lange wie möglich im Kreislauf zu behalten und entsprechend nachhaltig zu nutzen. Das reduziert die Umweltbelastungen und erhöht die Leistungsfähigkeit und die Versorgungssicherheit von Unternehmen, auch in der Schweiz.
Unternehmen verfügen dabei selbst über einen wichtigen Hebel, um diesen Prozess zu beschleunigen, indem sie Kreislaufwirtschaft in ihre Strategie aufnehmen und konsequent umsetzen. Im Statusbericht der Schweizer Kreislaufwirtschaft (2024) zeigen Schweizer Universitäten, dass sich ressourcenschonende Produktion ökologisch und ökonomisch auszahlt. Unternehmen nutzen das Potenzial aber bei weitem noch nicht aus.
Am WEF diskutiert
Wie Innovationen zu einem widerstandsfähigen und gerechten Fortschritt beitragen können, haben Führungskräfte und Expertinnen und Experten auch am Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos diskutiert, etwa im Kontext der Energiewende. Elektrofahrzeuge und die Solartechnologie und die Netztechnologie benötigen rare Rohstoffe. Werden aus ausgedienten Solarmodulen oder auch Batterien Rohstoffe zurückgewonnen, stärkt dies die Versorgung mit sauberer Energie. So entfaltet die Kreislaufwirtschaft ihre Wirkung nicht nur auf betrieblicher Ebene, sondern wird zu einem zentralen Stabilitätsfaktor für Resilienz und Versorgungssicherheit unserer gesamten Volkswirtschaft.

An einem Sonderanlass wurde diskutiert, wie die Schweiz den Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaft gestalten kann und es wurden Impulse für neue Denk- und Handlungsweisen gegeben.
Rege mitdiskutiert hat an diesem Anlass Julia Binder, Professorin für Sustainable Innovation and Business Transformation am International Institute for Management Development in Lausanne. Das WEF hatte sie 2025 als Young Global Leader ausgezeichnet.
Kreislaufwirtschaft ist ein komplexer Begriff. Wie erklären Sie Ihren Nachbarn, was dahintersteckt und warum es auch für sie wichtig ist?
Julia Binder: Ich sage dann oft: Kreislaufwirtschaft bedeutet, dass wir Dinge nicht einfach benutzen und wegwerfen, sondern so gestalten, dass sie möglichst lange halten und am Ende wieder sinnvoll genutzt werden können. Ein hochwertiger Bürostuhl, der modular aufgebaut ist, lässt sich reparieren, statt ausgetauscht zu werden. Ein E-Bike-Akku wird nicht entsorgt, sondern in ein zweites Leben überführt. Es geht darum, den Wert von Materialien im Umlauf zu halten, durch intelligentes Design, durch neue Nutzungskonzepte und durch die richtigen Anreize. Für die Umwelt ist das essenziell, aber es lohnt sich auch wirtschaftlich und für den eigenen Geldbeutel, gerade in Zeiten knapper Ressourcen und steigender Preise.
«Es geht darum, den Wert von Materialien im Umlauf zu halten»

Julia Binder
Professorin für Sustainable Innovation and Business Transformation
Kreislaufpionieren wie in der dänischen Stadt Kalundborg ging es zu Beginn um die finanziellen Vorteile. Später haben sie realisiert, dass Kreislaufwirtschaft auch ein Gewinn ist für die Umwelt und die Menschen. Warum haben Unternehmen Kreislaufwirtschaft nicht rascher vorangetrieben?
Ich sehe hier mehrere Gründe. Erstens wurde Kreislaufwirtschaft lange in eine grüne Nische geschoben, als etwas, das «auch noch nett» wäre, aber nicht zwingend fürs Kerngeschäft und dadurch hatte es natürlich nie Priorität in unserer schnelllebigen Unternehmenswelt. Zweitens ist es schlicht komplex. Die meisten Unternehmen können Kreisläufe nicht allein schliessen, dafür braucht es neue Formen der Zusammenarbeit, oft auch mit Partnern, die man bisher nicht auf dem Radar hatte. Und drittens: Transformation ist immer mit Risiko und Investitionen verbunden. Der Druck war bisher nicht gross genug, um diese Kosten zu rechtfertigen, aber genau das beginnt sich jetzt zu verändern.
In der dänischen Küstenstadt Kalundburg entwickelte sich aus privater Initiative seit den 1970er-Jahren ein enger Ressourcenaustausch. Unternehmen und die Gemeinde tauschen Energie, Wasser und Materialien aus. Über mittlerweile 20 Ressourcenströme werden Ressourcen ausgetauscht. Restprodukte oder vermeintlicher Abfall des einen Unternehmens werden zum wertvollen Rohstoff für den nächsten. Die Schlacke eines Unternehmens etwa wird vom nächsten Unternehmen für die Zementherstellung verwendet, die Abwärme einer Firma zum Heizen von Häusern eingesetzt. Überschüssige Wärme eines Kraftwerks heizt eine Fischfarm, deren Schlamm wiederum wird als Düngemittel weitergegeben.
Kreislaufwirtschaft ist ein Umweltthema, aber eben auch ein Wirtschaftsthema und zunehmend auch ein geopolitisches Thema. Staaten wollen sich Lieferketten sichern. Sehen Sie Chancen für die Schweiz, etwa bei der Rückgewinnung von Materialien?
Ja, absolut. Zum Glück passiert gerade ein Umdenken. Kreislaufwirtschaft wird zunehmend als strategisches Wirtschaftsthema erkannt. Natürlich auch getrieben durch die geopolitische Lage, aber nicht nur: Zum ersten Mal merken Unternehmen und Konsumentinnen, dass Ressourcen keine Selbstverständlichkeit sind. Die Preise für Kakao oder Kaffee zum Beispiel sind im letzten Jahr massiv gestiegen, China verknappt den Zugang zu seltenen Erden mit schmerzhaften Folgen für die hiesige Wirtschaft. Für die Schweiz liegt hier eine echte Chance mehr in Rückgewinnung von Materialien zu investieren und damit unabhängiger von externen Handelspartnern zu werden. Aber: Das Umdenken setzt oft zu spät an. Kreislaufwirtschaft beginnt beim Produktdesign und nicht erst bei der Abfallwirtschaft. Solange Produkte nicht so gestaltet sind, dass sich Materialien effizient zurückführen lassen, wird die Schweiz – wie jedes andere Land – dieses Potenzial nicht ausschöpfen können.

Ströme von Wasser, Energie und Material: In der dänischen Küstenstadt Kalundburg tauschen Unternehmen und die Gemeinde Ressourcen aus. Restprodukte oder vermeintlicher Abfall des einen Unternehmens werden zum wertvollen Rohstoff für den nächsten.
Unternehmen leben davon, dass sie möglichst viele ihrer Produkte verkaufen. Warum sollen sie ein Interesse daran haben, möglichst langlebige Produkte herzustellen?
Das ist genau der Punkt, an dem neue Geschäftsmodelle und Designprinzipien ins Spiel kommen zum Beispiel Serviceangebote wie Product-as-a-Service, aber auch modulare Produktkonzepte, Reparaturservices oder Refurbish-Modelle. Unser jetziges Wirtschaftssystem ist stark auf Massenproduktion und schnellen Konsum ausgerichtet, aber das ist ja keine unveränderliche Gegebenheit. Wenn ein Unternehmen statt eines Produkts eine Dienstleistung verkauft, bestehende Produkte hochwertig aufbereitet oder so gestaltet, dass einzelne Komponenten einfach ersetzt werden können, entsteht Wachstum, ohne dass immer mehr produziert werden muss. Und oft ist das sogar wirtschaftlich attraktiver, weil neue Umsatzquellen entstehen und die Kundenbindung steigt.
Um Materialien wiederverwenden zu können, müssen Produkte so entworfen sein, dass sie leicht auseinandergebaut werden können. Bisher tun sich Unternehmen beim kreislauffähigen Design ihrer Produkte schwer. Warum?
Das ist eine zentrale Frage. Und die Antwort ist vielschichtig. Zum einen leben wir immer noch in einer vollständig linearen Wirtschaft. Selbst wenn ich als Unternehmen intern alles auf Kreislaufwirtschaft optimiere, ist es schwierig, Kreisläufe wirklich zu schliessen. Viele sehen den Nutzen also schlicht (noch) nicht. Dazu kommt: Durch kreislauffähiges Design verändern sich grundlegende Rollen in der Wertschöpfung: Kundinnen und Kunden sind nicht mehr nur Endverbraucher, sondern werden zu aktiven Rücklieferanten von Produkten und Materialien. Das bedeutet, sie müssen ganz anders in die Wertschöpfungskette eingebunden werden nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch und kommunikativ. Und genau das ist alles andere als trivial, denn es erfordert neue Anreizsysteme, funktionierende Rücknahmestrukturen und oft auch ein Umdenken im Umgang mit Kundenschnittstellen. Und selbst wenn all das vorhanden ist: Eine Designänderung eines einzelnen Unternehmens reicht oft nicht, sondern wir brauchen Veränderungen im gesamten Ökosystem. Und das gemeinsam voranzutreiben ist wirklich herausfordernd.
Die Schweiz fristet kein Stiefmütterchendasein bezüglich Innovationen in der Kreislaufwirtschaft – kann sie sich dennoch an einem anderen Land inspirieren lassen?
Die Schweiz ist stark bei Abfallwirtschaft und Recycling, das ist unbestritten. Aber Kreislaufwirtschaft beginnt deutlich früher: beim Design, bei der Nutzung und in den Geschäftsmodellen. Und genau hier lohnt sich der Blick über den Tellerrand. Nicht weil andere Länder alles schon gelöst hätten, sondern weil sie unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven einbringen. In vielen Regionen Afrikas oder Südostasiens wird aus reiner Notwendigkeit oft effizienter mit Ressourcen umgegangen als bei uns. Dort gehören Reparatur, Wiederverwendung und Weiterverkauf ganz selbstverständlich zum Alltag, begleitet von einem anderen, oft deutlich bewussteren Umgang mit Materialien und Ressourcen. Länder wie die Niederlande sind politisch sichtbar und setzen sich ambitionierte Ziele, auch wenn sie technisch noch nicht weiter sind als viele andere. China verfolgt eine langfristige Circular-Economy-Strategie auf nationaler Ebene, während in Indien Start-ups digitale Plattformen zur Vernetzung von Wertstoffströmen entwickeln. Auch in Japan und Korea entstehen gezielt technologische Lösungen für spezifische Materialkreisläufe. Diese Vielfalt zeigt: Es gibt kein einzelnes Erfolgsmodell, aber viele verschiedene Wege, aus denen die Schweiz lernen kann um ihre eigenen Stärken gezielt in eine zirkuläre Zukunft zu überführen.
Wieviel wird die technologische Entwicklung bei der Kreislaufwirtschaft unterstützen können, wieviel müssen Unternehmen und Konsumierende selber leisten?
Technologie spielt eine wichtige Rolle für die Kreislaufwirtschaft. Sie ermöglicht zum Beispiel eine nie dagewesene Transparenz, hilft, Materialströme gezielt zu steuern und neue Lösungen zu skalieren, also für möglichst viele anbieten zu können. Aber Technologie allein wird die Transformation nicht ermöglichen. Kreislaufwirtschaft ist kein Add on, etwas, das man einfach noch hinzufügen kann und es hilft. Kreislaufwirtschafts ist ein revolutionäres Verständnis davon, wie wir Wirtschaft gestalten. Es geht um veränderte Designprinzipien, neue Geschäftsmodelle, veränderte Formen der Zusammenarbeit und letztlich auch um einen anderen Umgang mit Ressourcen. Dafür braucht es nicht nur die richtigen Technologien, sondern auch Menschen in allen Rollen: Konsumentinnen, Unternehmen, Investorinnen und politische Entscheider, die diese Vision mittragen und realisieren.
Julia Binder
ist Professorin für Sustainable Innovation and Business Transformation am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne und leitet dort das Center for Sustainable and Inclusive Business. Sie forscht und lehrt, wie Unternehmen Nachhaltigkeit, Innovation und wirtschaftlichen Erfolg strategisch miteinander verbinden können, etwa durch zirkuläre Geschäftsmodelle und transformative Führung. Sie gilt international als Vordenkerin für nachhaltige Unternehmenstransformation.
