Es rüttelt leicht, die Lampe an der Decke wackelt hin und her. Dann schüttelt es nochmals, diesmal heftiger und länger. Im Erdbebensimulator der ETH Zürich lässt sich nachempfinden, wie es sich anfühlen könnte bei Beben unterschiedlicher Stärke, wie es leicht schaukelt im dritten oder stark schwankt im zehnten Stockwerk eines Gebäudes. Doch welche Schäden ein Beben tatsächlich anrichten kann, lässt sich meist nur schwer begreifen.
Erdbeben seit 1975
Die meisten Erdbeben in der Schweiz ereignen sich, weil sich die afrikanische Kontinentalplatte und die europäische verschieben. Dabei bauen sich grossräumig Spannungen im Alpenbereich auf, die sich schliesslich als Erdbeben entladen. Die Erschütterungen breiten sich wellenförmig aus. Jährlich ereignen sich in der Schweiz rund 1000 bis 2000 Erdbeben, aber zu spüren sind nur etwa 20 bis 30 davon. Mit über 300 Messgeräten überwacht der Schweizerische Erdbebendienst an der ETH Zürich die seismische Aktivität in der Schweiz.
Die Folgen eines Erdbebens
In den ersten Tagen nach einem Erdbeben prägen Bilder von Suchhundetrupps und Rettungen von Verschütteten die mediale Berichterstattung. Behörden und Rettungsorganisationen haben nach einem Erdbeben jedoch noch viel mehr, sehr komplexe Herausforderungen. Sie müssen unter anderem die medizinische Versorgung organisieren, Menschen mit Wasser und Lebensmitteln versorgen, Obdachlose unterbringen, beschädigte Gebäude bezüglich deren Bewohnbarkeit beurteilen, die nötigsten Reparaturen am Stromnetz in Angriff nehmen und sicherstellen, dass die Kommunikation und das Mobilfunknetz wieder funktionieren. Liegt das Epizentrum in der Nähe von Dämmen oder chemischen Anlagen, können sich weitere Herausforderungen zur Bewältigung von sekundären Ereignissen stellen. Zudem kann ein Erdbeben Folgeereignisse auslösen, beispielsweise Erdrutsche, was Rettungsarbeiten weiter erschwert.
Ausbreitung von Erdbebenwellen
Ein Erdbeben der Stärke 6 dauert rund 30 Sekunden: Das Chaos danach mehrere Tage, die Bewältigung mehrere Monate und der Wiederaufbau mehrere Jahre. Erdbebenspezialistinnen und -spezialisten weisen darum darauf hin, wie wichtig die Vorsorge ist und dass auch vorbereitende Wiederaufbaustrategien dazu gehören. Um die Schäden bei solchen Ereignissen in Grenzen zu halten ist das erdbebengerechte Bauen die zentrale präventive Massnahme.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Schweiz innerhalb von 50 Jahren mindestens ein Beben der Stärke 6 ereignet, ist recht hoch, sie liegt bei 40%. Verglichen mit früheren Ereignissen in der Schweiz würden die Schäden bei einem solchen Beben heute deutlich höher ausfallen. Denn das Land ist dichter bebaut, hat grosse Agglomerationen und ein komplexes Netz aus Schienen, Strassen und Stromleitungen.
Wahrnehmung von Erdbeben im Vergleich zu anderen Naturereignissen
Wie wahrscheinlich schätzt die Schweizer Wohnbevölkerung das Eintreten von Erdbeben in ihrer Wohngegend im Vergleich zu anderen Naturereignissen ein? Das Auftreten von Erdbeben wird von den wenigsten Befragten erwartet. @Umweltpanel ETH Zürich / Anteil “Eher wahrscheinlich” und “Sehr wahrscheinlich”
Starkniederschlag
64
%
Hitzewellen
63
%
Langanhaltende Trockenheitperioden
58
%
Stürme
57
%
Überschwemmungen/Hochwasser
45
%
Extremer Schädlingsbefall
37
%
Erdrutsche
30
%
Kältewellen
27
%
Waldbrände
26
%
Erdbeben
9
%
Szenarien
Seit 2023 verfügt die Schweiz über ein nationales Erdbebenrisikomodell. Gemäss Modellberechnungen ist über einen Zeitraum von 100 Jahren mit Schäden bis gut 40 Milliarden Schweizer Franken zu rechnen. Eingerechnet sind dabei lediglich Schäden an Gebäuden. Das Modell zeigt für verschiedene Szenarien auf, welche Schadensummen zu erwarten sind. Würde sich das Erdbebens von 1601 in der Zentralschweiz mit einer Magnitude von 5.9 wiederholen, müsste gemäss heutigem Modell mit über 500 Todesopfern, rund 4000 Verletzten und 50'000 Schutzsuchende gerechnet werden.
Modellberechnungen zeigen, dass das Schadensrisiko in Städten und Agglomerationen am höchsten ist, also dort, wo viele Menschen und Infrastrukturen auf engem Raum sind. Entscheidend ist dabei neben der Verletzbarkeit von Gebäuden und Infrastrukturen auch der Untergrund: Ist er beispielsweise weich, verstärkt das die Erschütterungen und erhöht die Schäden. Um künftig auch Aussagen machen zu können zu Folgeereignissen, beispielsweise Erdrutschen, wird das Erdbebenrisikomodell weiterentwickelt.
Behörden und Wissenschaft erforschen den Untergrund und die Ursachen von Erdbeben, um mehr über deren mögliche Auswirkungen zu erfahren. Die lokale Geologie spielt eine wichtige Rolle, weil sie die Erdbebenwellen stark beeinflusst. Neue Erkenntnisse dazu werden bis im Jahr 2028 die neuen nationalen Karten der seismischen Baugrundklassen liefern.
