Das Areal des Basler Pharmakonzerns Roche liegt im Herzen der Stadt, direkt am Rhein. Diese Lage bietet Vorteile – wie die Nutzung des Rheinwassers –, geht aber auch mit einer grossen Verantwortung einher, weil das Flusswasser bei einem Unfall sofort verunreinigt würde. Genau dieses Szenario spielte sich in der Nacht auf den 1. November 1986 ab, als in einem Lager bei der Basler Chemiefirma Sandoz am Standort Schweizerhalle ein Brand ausbrach. Tausende Tonnen Chemikalien wurden durch die Flammen zerstört, und das kontaminierte Löschwasser gelangte in den Rhein.

Verbrannte Fässer und Löschwasser liegen in einer vom Feuer zerstörten Lagerhalle.
Bei der Basler Chemiefirma Sandoz brach am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Lagerhalle in Schweizerhalle (BL) aus. In der durch das Feuer zerstörten Lagerhalle befanden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein floss, wurden über 150’000 Aale getötet. ©Keystone/Kupferschmidt

Der Unfall führte zu einer gravierenden Verschmutzung des Flusses und löste in der Bevölkerung grosse Besorgnis aus. Die Massnahmen zur Prävention vor chemischen Störfällen wiesen deutliche Lücken auf. Entsprechend stellte das Ereignis die Geburtsstunde der Störfallverordnung in der Schweiz dar.

Prävention als Grundlage

Wie das Konzept der Störfallverordnung umgesetzt werden kann, zeigt der Basler Pharmakonzern Roche. Der Standort vereint Forschung, Entwicklung, Produktion und Logistik unter einem Dach. Eine solche Konzentration von Tätigkeiten erfordert ein besonders hohes Sicherheitsniveau. «Prävention bildet die Grundlage unseres gesamten Sicherheitssystems», betont Christoph Kaupp, Notfallmanagement bei Roche. «Sicherheitsaspekte werden bereits sehr früh, nämlich schon in der Forschungsphase, berücksichtigt. Wir versuchen nach Möglichkeit, die Verwendung von Stoffen mit einem hohen Gefahrenpotenzial zu vermeiden. Dieser Ansatz ist auch Teil unseres Engagements für eine nachhaltige Chemie.»

«Prävention bildet die Grundlage unseres gesamten Sicherheitssystems.»

Christoph Kaupp

Notfallmanagement bei Roche

Ein Pfeiler der Sicherheitsstrategie des Unternehmens ist das Containmentkonzept. «Unsere Anlagen sind so konzipiert, dass sie Stoffe – ob fest, flüssig oder gasförmig – unter allen Umständen zurückhalten.» Ein weiteres wichtiges Element ist die Früherkennung. «Unser Standort ist mit Brand-, Gas- und Leckmeldern ausgestattet. Je früher eine Fehlfunktion erkannt wird, desto mehr Zeit haben wir, um wirksam einzugreifen und eine Verschärfung der Situation zu verhindern.»

Der Rhein spielt hierbei eine zentrale Rolle: Roche nutzt Wasser aus dem Rhein zur Kühlung der Anlagen und Gebäude und leitet es anschliessend wieder in den Fluss zurück. Um die Wasserqualität sicherzustellen, wird jede Einleitung analysiert. Parallel dazu wird der Oberflächenabfluss aus sensiblen Bereichen in zwei Rückhaltebecken mit einer Gesamtkapazität von 1500 m³ geleitet und erst nach Analysen wieder in den Fluss zurückgeführt.

Enge Zusammenarbeit

Das System baut nicht ausschliesslich auf der Verantwortung der Unternehmen auf. «Die Katastrophe von 1986 hat gezeigt, dass die Bevölkerung und die Umwelt besser vor chemischen Störfällen geschützt werden müssen», erklärt Martin Merkofer, Leiter der Sektion Störfall- und Erdbebenvorsorge beim BAFU. «Die Lehren aus dem Ereignis gaben den Anstoss zur Erarbeitung der Störfallverordnung mit einer deutlichen Verbesserung von Prävention und Überwachung.»

Wie schätzen Sie die Massnahmen zur Verhütung chemischer Störfälle in Ihrer Region ein?

Die 1991 in Kraft getretene Störfallverordnung (StFV) beruht auf einem einfachen Grundsatz: Störfälle müssen nach Möglichkeit verhindert werden, noch bevor sie überhaupt eintreten können. «Gemäss der StFV sind die Unternehmen beispielsweise verpflichtet, über geeignete Rückhaltebecken zu verfügen, um im Brandfall das mit giftigen Chemikalien kontaminierte Löschwasser aufzufangen», erklärt Martin Merkofer. «Ausserdem dürfen Stoffe, die gefährlich miteinander reagieren können, nicht zusammen gelagert werden. Die Informationen zu den vorhandenen Stoffen müssen jederzeit zugänglich sein, damit die Feuerwehr und die Einsatzkräfte im Notfall sofort darauf zugreifen können.»

«Die Katastrophe von 1986 hat gezeigt, dass die Bevölkerung und die Umwelt besser vor chemischen Störfällen geschützt werden müssen.»

Martin Merkofer

BAFU

Die Behörden überwachen somit regelmässig, ob die Vorgaben der StFV eingehalten werden. «Die von den Unternehmen übermittelten Unterlagen werden eingehend analysiert und anschliessend durch Inspektionen vor Ort überprüft», erläutert Hans Bossler, Leiter Störfall- und Erdbebenvorsorge sowie Biosicherheit beim Gesundheitsdepartement von Basel-Stadt. Die Störfallszenarien der Unternehmen werden zudem mit den Berechnungen verglichen, die die Behörden anhand eigener Modelle erstellen.

Bei Roche werden die verschiedenen Betriebseinheiten je nach Risikoniveau alle drei bis fünf Jahre kontrolliert. Hinzu kommen Inspektionen bei Änderungen von Anlagen. «Wir statten also Roche mehrmals pro Jahr einen Kontrollbesuch ab», hält Hans Bossler fest.

«Wir statten Roche mehrmals pro Jahr einen Kontrollbesuch ab.»

Hans Bossler

Kanton Basel-Stadt

Auf nationaler Ebene ist die enge Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden eine der Stärken des Vorsorgeprinzips der Störfallverordnung. «Die Unternehmen müssen die Risiken systematisch erfassen und analysieren, angemessene Sicherheitsmassnahmen ergreifen und gegenüber den Behörden nachweisen, dass die Risiken tragbar sind», sagt Martin Merkofer. Bund und Kantone sorgen gemeinsam für die Einhaltung der Vorschriften. «Zweimal jährlich tauscht sich das BAFU mit den für Störfälle zuständigen Bundes- und Kantonsstellen über ihre Erfahrungen aus. So können neue Erkenntnisse rasch in die Praxis umgesetzt werden.»

In Minutenschnelle ausrücken

Unfälle lassen sich trotz aller Vorsichtsmassnahmen nie vollkommen ausschliessen. Roche verfügt daher über eine eigene Berufsfeuerwehr, die rund um die Uhr präsent ist. Die Teams kennen sich in den Gebäuden bestens aus und sind innerhalb weniger Minuten vor Ort. Sie werden von ca. 80 Milizfeuerwehrleuten (Mitarbeitende des Unternehmens) unterstützt. Roboter und Drohnen ergänzen die Einsatzmittel, um Gefahrenzonen zu erreichen oder sich einen Lageüberblick zu verschaffen.

«Unsere Feuerwehr wird jährlich fast 2000 Mal alarmiert», merkt Christoph Kaupp an. Das mag nach viel klingen, ist aber ein Zeichen dafür, dass unser Meldesystem gut funktioniert. Wir werden lieber auch bei geringfügigen Vorfällen frühzeitig benachrichtigt. Jeder Alarm wird aufgezeichnet, analysiert und ausgewertet. So können wir Wiederholungsfälle erkennen und Lösungen zu deren Behebung finden.»

Störfallverordnung

In den 40 Jahren nach Schweizerhalle hat sich in der Schweiz kein vergleichbarer Unfall mehr ereignet. Für Martin Merkofer erklärt sich dies durch die kontinuierliche Verbesserung des Vorsorgesystems. «Die Prävention von Störfällen muss sich laufend an die neuen Entwicklungen anpassen. Zu den grossen Herausforderungen gehören dabei die Siedlungsverdichtung, die Zunahme der durch den Klimawandel bedingten Naturgefahren sowie die Umgestaltung der Energiesysteme, wie z.B. die Lagerung und der Transport von Kohlenstoffdioxid.»