Herr Wiemer, beim erdbebensicheren Bauen geht einiges, zudem wurde das Messnetz ausgebaut und die Auswertmethoden wurden verbessert. Wieviel Einfluss hat das auf die Widerstandsfähigkeit der Schweiz bei Erdbeben?

Stefan Wiemer: Um das wirklich zu beurteilen, müsste es ein grösseres Beben geben, und wir alle hoffen, dass dies nicht bald passiert. Wir können aber Berechnungen aufgrund von Modellen, Daten und Erfahrungen anderer Länder machen. Da sieht man, dass das erdbebengerechte Bauen nach gültigen Baunormen einen sehr grossen Einfluss haben. Der Schaden von Gebäuden ist deutlich geringer, wenn die Gebäude dafür ausgelegt sind, Erdbeben zu überstehen. Da hat sich schon sehr viel getan. Die Schweiz ist meiner Ansicht nach deutlich besser dran als vor 20 Jahren. Das Messnetzwerk und auch die Gefährdungs- und Risikoanalysen tragen dazu bei, denn sie schaffen Grundlagen für die Prävention und die Vorsorge. Sie machen es auch möglich, dass man im Ereignisfall besser informiert ist und Szenarien berechnen kann, damit sich alle besser auf Beben vorbereiten können.

Welche Möglichkeiten eröffnen das Internet der Dinge und die Digitalisierung bei der Erdbebenprävention?

Baunormen und das erdbebengerechte Bauen - das ist und bleibt das Wichtigste, das hat den grössten Effekt. Was man auch tun kann, sind Dinge angehen wie Erdbebenfrühwarnung. Wir können den lokalen Untergrund besser erforschen, wir können schneller viele Daten analysieren und Modelle erstellen, die zeigen, was wann passiert und ermitteln so Schwachzonen im Erdbebenrisikomanagement. Je präziser wir das Risiko kennen, desto besser können wir es angehen.

«Baunormen und das erdbebengerechte Bauen - das ist und bleibt das Wichtigste»

Stefan Wiemer

Professor für Seismologie an der ETH Zürich

Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Es gibt aber Systeme, die es ermöglichen, eine Warnung wenige Sekunden vor dem Eintreffen der schadenbringenden Erdbebenwellen zu versenden. Was bringt das?

Wenige Sekunden Vorwarnzeit sind mehr als nichts. Es reicht für Personen, um Schutz zu suchen. Zudem könnten automatische Massnahmen eingeleitet werden: Türen von Aufzügen liessen sich in der nächsten Etage öffnen, Gasdruckleitungen schliessen, Türen von Gebäuden öffnen, damit sie nicht verklemmen, wenn es schüttelt.

Sie wollen mit Supercomputern berechnen, was für Auswirkungen Erdbeben haben könnten. Wie muss man sich das vorstellen?

Mit Hochleistungscomputern kann man die Wellenausbreitung von bestimmten Beben auf einem bestimmten Untergrund berechnen. Man sieht, wo das Beben startet, wie sich die Wellen konkret ausbreiten und wie sie an einem bestimmten Standort ankommen und was das für Auswirkungen auf die Bausubstanz hat. So werden Unsicherheiten reduziert und Vorhersagen verbessert.

Und das ginge mit Echtzeitdaten? Bei einem Ereignis liesse sich analysieren, was das ausgelöst haben dürfte und man könnte Rettungstrupps losschicken?

Schnelle Schadensabschätzungen sind bereits eines der Produkte des neuen Risikomodells, das wir 2023 herausgegeben haben. Schon jetzt können wir innerhalb von ungefähr 30 Minuten recht gut abschätzen, wie gross das Schadensausmass ist, wo welche Zonen am meisten betroffen sind. Die Informationen werden Bund, Kantonen oder auch Gemeinden zur Verfügung gestellt. Mit mehr lokalen Daten können Vorhersagen noch deutlich besser werden. Man könnte die Daten künftig auch verknüpfen, zum Beispiel mit dem, was die Leute vor Ort sehen oder mit Informationen aus Überflügen von Drohnen.

Könnte ein Computer auch Handlungsoptionen vorschlagen?

Er tut es zu einem gewissen Grad schon. Man spielt zum Beispiel eine Million Szenarien durch und fragt den Computer, wo Schwachpunkte sind, was verbessert werden muss. Aber man kann es auch in Echtzeit im Ernstfall tun. Wir haben ein grösseres EU-Projekt, mit dem wir das erforschen. Unsere Vision: Ein Computer analysiert für uns, wo wegen eines Bebens der grösste Schaden entstanden ist, wo eine Strasse nicht mehr befahrbar ist, was für Ressourcen zur Verfügung stehen und wie man sie in der Krise am besten einsetzt. Wenn es wie bei einem Erdbeben schnell gehen muss, kommen Menschen teilweise an ihre Grenzen. Da kann ein Computer sehr unterstützen – aber der Mensch muss in den Entscheidungsprozess eingebunden sein.

Eine Option wäre auch, Glasfaserkabel zu nutzen. Was könnten sie beitragen?

Solche Kabel existieren schon und werden punktuell benutzt. Das Potenzial ist beträchtlich, es könnte die Messnetze revolutionieren. Man kann existierende oder speziell verlegte Glasfaserkabel mit einem Gerät, einem Laser abfragen. Das Kabel wird dann alle paar Meter zu einem Seismometer überführt. Dadurch hat man auf 30 oder 40 Kilometern hunderte oder gar tausende von Seismometern. Sie messen die Bewegung im Untergrund in sehr hoher Auflösung und können sagen, wo es am stärksten gebebt hat. Das funktioniert beispielsweise auch gut zur Detektion von Hangrutschungen.