«Ich bin in Capolago geboren und mit dem Lärm der Eisenbahn aufgewachsen», erzählt der ehemalige Gemeinderat Alberto Valli. Er spricht von der Kehrseite der strategischen Entscheidung der Schweiz, den Gütertransport auf der Schiene zu fördern: Diese Weichenstellung, die 1994 mit der Alpeninitiative in der Verfassung verankert wurde, brachte mehr Eisenbahnlärm mit sich. «Wir mussten die Fenster immer geschlossen halten, auch im Sommer, wenn es heiss war. Und nachts war es noch schlimmer als am Tag.»
Eine Situation, die nicht harmlos ist. «Eine anhaltende Lärmbelastung schadet der Gesundheit und verursacht somit Kosten für die Allgemeinheit», so Fabio Fineschi, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesamts für Umwelt (BAFU).
Seit 2000 wurden zahlreiche Massnahmen ergriffen, um die Lärmbelastung zu reduzieren: «Die Gesetzgebung sieht vor, dass mindestens zwei Drittel der Bevölkerung, die schädlichem oder lästigem Lärm ausgesetzt ist, vor dieser Belastung geschützt werden sollen. Diesjährigen Schätzungen zufolge wurde dieses Ziel zwar erreicht. Aber es gibt immer noch 33 000 Personen in der Schweiz, die einem Lärm ausgesetzt sind, der die Grenzwerte überschreitet», hält der Experte fest.
Den Lärm an der Quelle reduzieren
Die Schweiz ist auf europäischer Ebene eine Pionierin im Kampf gegen den Eisenbahnlärm. Bereits Anfang der 2000er-Jahre testete sie als erstes Land Bremssohlen aus Verbund-Werkstoffen – sogenannte K-Bremssohlen – und leitete in den nachfolgenden Jahren die schrittweise Umrüstung des Schweizer Rollmaterials ein. Die alten und lauten Grauguss-Bremssohlen, mit denen die Züge bis dahin ausgestattet waren, wurden nach und nach durch K-Bremssohlen ersetzt. Schliesslich verbot die Schweiz im Jahr 2020 als erstes Land Güterwagen mit Grauguss-Bremssohlen. Dies führte unter anderem dazu, dass auch an ausländischen Wagen, die in der Schweiz verkehren, die Bremssohlen ersetzt werden mussten (siehe Kasten).
Eine weitere Reduzierung des Eisenbahnlärms ist durch die Einführung innovativer Bremsscheiben möglich. Auch bei der Anwendung dieser neuen Technologie für Güterwagen leistet die Schweiz Pionierarbeit, dies insbesondere durch Forschungsprojekte, die die technische Machbarkeit, die akustische Wirksamkeit und die Betriebstauglichkeit nachweisen sollen.
Dieser Ansatz steht im Einklang mit dem Hauptziel des Bundesgesetzes über die Lärmsanierung der Eisenbahnen (BGLE) aus dem Jahr 2000: Der von den Bremsen ausgehende Lärm soll minimiert werden, sodass auf Schutzmassnahmen wie etwa den Bau von Lärmschutzwänden möglichst verzichtet werden kann.
Zwischen 1990 und 2020 setzten die SBB weitreichende Massnahmen um. «Ein erster Teil der Interventionen betraf die Reduzierung der Lärmemissionen am Berührungspunkt zwischen Rad und Schiene», erklärt Gabriele Pasteris, Umweltingenieur bei der SBB. Bei der technologischen Entwicklung und den Materialien seien Verbesserungen erzielt worden, insbesondere durch die Umstellung von Guss- auf K-Bremssohlen.
Zu den noch laufenden und geplanten Massnahmen zählt laut dem Umweltingenieur auch die Sanierung von Stahlbrücken, «die viel Lärm verursachen». Andere Strategien würden ebenfalls geprüft, wie etwa der Einbau einer Schalldämmung aus synthetischem Material zwischen Schienen und Schwellen. «Es werden Experimente durchgeführt, um die Werkstoffe zu identifizieren, die den Lärm am effektivsten absorbieren. Ebenso werden Schmiersysteme für Räder und Kurven getestet.»
Im Übrigen hat der Bund 30 Millionen Franken Finanzhilfen für Hersteller und Halter von Rollmaterial mit Sitz in der Schweiz zur Verfügung gestellt. Mit diesen Mitteln wird der Bau lärmarmer Güterwagen gefördert.

Lärmschutzwände und Schallschutzfenster
«Man kann auch zwischen der Lärmquelle und den Orten ansetzen, wo Menschen leben und arbeiten», fährt Gabriele Pasteris fort. Dies ist der zweite Interventionsbereich. «Wir haben über 300 Kilometer Lärmschutzwände aus lärmdämmenden Baustoffen wie Lavabeton errichtet. Diese sind rund zwei Meter hoch und absorbieren den Lärm bzw. verhindern, dass sich die Schallwellen entlang des nationalen Schienennetzes ausbreiten.» Der dritte Handlungsbereich schliesslich ist der Einbau von Schallschutzfenstern bei mehrstöckigen Gebäuden.
In Capolago, einer Tessiner Gemeinde am Luganersee, wurde bereits 2005 viel investiert, um den Lärm durch den internationalen Güterverkehr einzudämmen. «Das Rollmaterial ist oft alt, sehr laut und fährt vor allem nachts über die Bahnstrecke, die durch das dicht besiedelte alte Ortszentrum führt», erklärt Roberto Tettamanti, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Tessiner Amt für Lärmprävention. «Viele Bewohnerinnen und Bewohner beklagten sich, dass sie nicht mehr schlafen konnten.»
Vehemente Debatte zwischen Behörden und Bevölkerung
«Der Lärm war ohrenbetäubend. Also haben wir uns an die SBB gewandt, um eine Lösung zu finden», erzählt Alberto Valli. Der Kanton schlug ein Lärmsanierungsprojekt mit Materialien vor, die unter Berücksichtigung der vom See geprägten Landschaft ausgewählt wurden. Ursprünglich war eine komplett undurchsichtige Lärmschutzwand aus Beton entlang der Bahnlinie vorgesehen und die am stärksten exponierten Gebäude sollten Fenster mit Doppel- oder Dreifachverglasung erhalten, wie Roberto Tettamanti berichtet. «Die Lärmschutzwand löste aber heftige Reaktionen aus und führte zu einer vehementen Debatte zwischen den kantonalen und kommunalen Behörden und den Anwohnerinnen und Anwohnern. Letztere befürchteten, die Wand würde ein Gefühl der Enge erzeugen und die Aussicht auf den See beeinträchtigen.»
Schliesslich wurde nach vielen Gesprächen beschlossen, den oberen Teil der Wand transparent zu gestalten, um den Blick auf das Panorama offen zu lassen, während der untere Teil aus schalldämmendem Material bestehen sollte. «Es dauerte eine Weile, bis man sich über die Höhe der Wand und den Anteil des transparenten Teils einig wurde. Aber letztlich gewährleistete das Projekt nicht nur eine gute akustische Wirksamkeit, sondern wurde in ästhetischer Hinsicht von den Anwohnerinnen und Anwohnern auch akzeptiert. » Eine Meinung, die Alberto Valli teilt: «Visuell ist die Massnahme sehr gelungen. Der Teil der Wand in Richtung Mendrisio ist allerdings undurchsichtig: Das ist nicht schön, aber transparente Paneele anzubringen würde ein Vermögen kosten. In Bezug auf den Lärm ist die Situation heute optimal. Hinzu kommt, dass Personenzüge viel leiser sind; nur die alten Güterzüge sind immer noch laut.»
Um die Lärmbelastung durch die Eisenbahn zu reduzieren, wird auf nationaler und internationaler Ebene viel geforscht. Auch die SBB beteiligen sich. In der Schweiz hat die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) ein hochentwickeltes Berechnungsmodell zur Ermittlung und Beurteilung von Eisenbahnlärm entwickelt (sonRAIL). Zudem hat ein Konsortium aus BAFU, BAV, SBB, EMPA und Allianz Fahrweg gemeinsam das Fahrbahnlabor eingerichtet: eine permanente Messanlage, die zur Referenzplattform für die Entwicklung und Validierung neuer Massnahmen zur Minderung von Lärm und Erschütterungen im Eisenbahnbereich werden soll.
Dezibel (dB) sind ein logarithmisches Mass für das Verhältnis zwischen dem gemessenen Schalldruck und einem Bezugsschalldruck. Das menschliche Ohr kann eine sehr grosse Bandbreite von Schalldruckschwankungen wahrnehmen. Eine Zunahme des Lärms um 1 dB wirkt sich mit einem Faktor von 1,12 auf den Schalldruck aus, während eine Zunahme um 120 dB (Schmerzschwelle) einem Faktor von 1 Million entspricht.
K-Bremssohlen für weniger Lärm
Im Jahr 2020 wurden Grauguss-Bremssohlen für Güterwagen verboten, da sie zu laut waren. Sie wurden durch leisere synthetische K-Sohlen aus asbestfreien Verbund-Werkstoffen ersetzt, die Anfang der 2000er-Jahre erstmals in der Schweiz getestet wurden. Laut Gabriele Pasteris, Umweltingenieur bei den SBB, waren Bremssohlen aus Grauguss früher weit verbreitet. «Gusseisen ist ein Material, das seit Hunderten von Jahren existiert und im Bauwesen und bei Brücken sehr häufig Einsatz kommt, da es sehr verschleissfest und belastbar ist.»
Um einen mehrere Dutzend Tonnen wiegenden Wagen zum Stillstand zu bringen, muss eine Bremse extrem beständig sein. Die Suche nach Alternativen zum leistungsfähigen Gusseisen war langwierig. Dank der Entwicklung synthetischer Werkstoffe konnte aber eine Lösung gefunden werden, die sowohl ein effizientes Bremsen als auch eine Verminderung des Lärms ermöglicht, so der Experte. Im Vergleich zur alten Bremse kann die neue Bremse die Lärmemission um 5 bis 10 Dezibel (dB) reduzieren. «Das ist ein enormer Gewinn: 3 dB weniger vermindert den Lärm bereits um die Hälfte. Dank dieser neuen Bremsen und weiterer Massnahmen konnte die Lärmbelastung trotz der Zunahme des Zugverkehrs eingeschränkt werden.» In Zukunft könnten Scheibenbremsen eine Verbesserung bringen und Lärmemissionen noch weiter eindämmen.
