Vor 150 Jahren fällte die Schweiz einen für die Umwelt historischen Entscheid: Der Wald wurde als lebenswichtige Ressource geschützt. Das Waldgesetz verhinderte grossflächige Rodungen und gewährleistete so den Fortbestand des Waldes. Das war elementar für den Schutz vor Naturgefahren, für die Artenvielfalt und für die Sicherung des Waldes als wertvoller Erholungsraum. Heute weiss man: Gesunde Wälder speichern zudem grosse Mengen CO₂. Wie aber der Waldbericht 2025 zeigt, sind die Wälder insbesondere in den letzten zehn Jahren durch Trockenheit, Stürme oder auch Schädlingsbefall stark unter Druck geraten.

Auch die Wald- und Holzwirtschaft kann einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie sich von der Produktion bis zur Nutzung und Wiederverwendung von Holz den veränderten Bedingungen anpasst. So kann sie als wesentlicher Bestandteil der Kreislaufwirtschaft damit die umwelt- und klimapolitischen Ziele des Bundes unterstützen.

«Die CO₂-Bilanz von Holz ist nahezu neutral», unterstreicht Christian Aebischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Umwelt (BAFU). «Bäume nehmen während ihres Wachstums CO₂ aus der Luft auf und binden Kohlenstoff in ihrem Holz», erklärt der Experte. Dieser Kohlenstoff bleibt dann über viele Jahre im Material gespeichert. «Holz kann zudem andere Materialien oder fossile Energieträger ersetzen, bei deren Herstellung viel CO₂ erzeugt wird. Dadurch werden zusätzliche Treibhausgasemissionen vermieden.»

Ein Drittel der Schweiz ist bewaldet

Heute bedecken die Wälder ein Drittel der Landesfläche der Schweiz. Diese riesige Waldfläche verdankt ihre Rettung dem ersten Bundesgesetz zur Beschränkung der Waldnutzung, einem bahnbrechenden Gesetz, das vor 150 Jahren im Zuge des industriellen Aufschwungs erlassen wurde. «Der Schweizer Wald produziert heute jährlich rund zehn Millionen Kubikmeter Holz. Davon nutzen wir aber nur etwas mehr als die Hälfte», sagt Sébastien Droz von Lignum, der Dachorganisation der Wald- und Holzwirtschaft. Die zweite Hälfte könnte zwar nicht vollständig genutzt werden – sie umfasst auch einen Totholzanteil –, aber das Potenzial der Ressource ist noch lange nicht ausgeschöpft.

In der Zürcher Gemeinde Regensdorf steht der mit 75 Metern höchste Holzturm der Schweiz. Seine Struktur aus Buchenholz steht auf einem Sockel aus Beton. Im Vergleich zu einem ähnlichen, vollständig aus Beton errichteten Gebäude wurden beim Bau des Turms 600 Tonnen CO2 eingespart. ©Kuster Frey
In der Zürcher Gemeinde Regensdorf steht der mit 75 Metern höchste Holzturm der Schweiz. Seine Struktur aus Buchenholz steht auf einem Sockel aus Beton. Im Vergleich zu einem ähnlichen, vollständig aus Beton errichteten Gebäude wurden beim Bau des Turms 600 Tonnen CO2 eingespart. ©Kuster Frey
In der Schweiz wird Holz immer häufiger auf innovative Weise als Baustoff genutzt. Als Vorbild für das zirkuläre Bauen wird oft das von Herzog und de Meuron entworfene Hortus-Gebäude bei Basel erwähnt. Der im Juni 2025 eingeweihte Bau aus Holz, Roherde und anderen natürlichen und wiederverwertbaren Materialien ist «energiepositiv»: In dreissig Jahren wird er die gesamte für seinen Bau und seine Nutzung benötigte Energie kompensiert haben. ©Maria Mezulis/Herzog & de Meuron
In der Schweiz wird Holz immer häufiger auf innovative Weise als Baustoff genutzt. Als Vorbild für das zirkuläre Bauen wird oft das von Herzog und de Meuron entworfene Hortus-Gebäude bei Basel erwähnt. Der im Juni 2025 eingeweihte Bau aus Holz, Roherde und anderen natürlichen und wiederverwertbaren Materialien ist «energiepositiv»: In dreissig Jahren wird er die gesamte für seinen Bau und seine Nutzung benötigte Energie kompensiert haben. ©Maria Mezulis/Herzog & de Meuron

Angesichts der klimatischen Herausforderungen und des ungenutzten Potenzials haben die Bundesbehörden eine wichtige Weichenstellung vorgenommen: Im Dezember 2025 hat der Bundesrat die «Integrale Wald- und Holzstrategie 2050» verabschiedet. Diese verfolgt zwei Ziele: die Waldökosysteme zu schützen und die Nutzung einheimischen Holzes zu fördern. 

Mehrere Lebenszyklen

Ein Grundpfeiler dieser Strategie ist die sogenannte Kaskadennutzung. «Es geht darum, den natürlichen Holzkreislauf zu verlängern, damit das gebundene CO₂ möglichst lange im Material gespeichert bleibt», fasst Christian Aebischer zusammen. So kann das Dachwerk eines alten Bauernhauses für das Dach eines Neubaus wiederverwendet werden, dann zu Möbeln umfunktioniert und schliesslich zu Spanplatten, Pellets oder Papier verarbeitet werden. «Nicht jedes Holzstück kann so viele Leben haben», differenziert jedoch Sébastien Droz. «Manche Stücke sind edler als andere.»

Der Hauptsitz der Swatch Group in Biel, entworfen vom Japaner Shigeru Ban, ist ein weiteres Beispiel für ein modernes und nachhaltiges architektonisches Meisterwerk. Der längliche, an ein Reptil erinnernde Bau ist eine der grössten Holzstrukturen der Schweiz. ©Swatch
Der Hauptsitz der Swatch Group in Biel, entworfen vom Japaner Shigeru Ban, ist ein weiteres Beispiel für ein modernes und nachhaltiges architektonisches Meisterwerk. Der längliche, an ein Reptil erinnernde Bau ist eine der grössten Holzstrukturen der Schweiz. ©Swatch

Zirkuläres Bauen ist vielversprechend, aber auch anspruchsvoll. Und es setzt viel Weitblick voraus: «Damit die Bauteile eines Gebäudes wiederverwendbar sind, muss bereits bei der Konzipierung angesetzt werden», betont Luc Trottier, stellvertretender Leiter des Büros Lutz Architectes. Der Nachhaltigkeitsexperte meint, dass man nur dann von einer echten Zirkularität sprechen kann, wenn es keinen Verlust, keine Degradation des Materials gibt, wenn also «eine Wand eine andere Wand ersetzt».

Schlüsseldaten für den Holzbau – 150 Jahre Waldgesetz

Vor 1876

Die Wälder sind massiv überforstet und die Schweiz erleidet verheerende Überschwemmungen. Der Fokus der Waldpolitik liegt in dieser Zeit auf der Gefahrenprävention. Schutz-, Nutz- und Wohlfahrtsfunktion des Waldes bleiben unberücksichtigt.

1931

Gründung der Dachorganisation der Schweizer Holzwirtschaft, Lignum.

1986

Der Bund startet sein erstes Förderprogramm zur Holzverwertung (Impulsprogramm Holz). Die HF Holz lanciert die Ausbildung für Holzingenieurinnen und -ingenieure.

2015

Aktualisierung der Brandschutzvorschriften (BSV). Die Höhen- oder Nutzungsbeschränkungen für Holzbauwerke werden aufgehoben.

Das erste Schweizer Gesetz zum Schutz des Waldes vor Übernutzung wird eingeführt. Die verwendete Holzmenge muss dem Jahreswachstum entsprechen. Damit wird die Grundlage für Nachhaltigkeit geschaffen.

1876

In Biel wird die Höhere Fachschule Holz (HF Holz) gegründet. Sie bietet Weiterbildungen für Berufsleute aus Sägereien, Zimmereien und Schreinereien an.

1952

Brandschutzvorschriften (BSV) werden eingeführt. Die neuen Normen erlauben Holzbauten mit bis zu sechs Geschossen.

2005

Der Bundesrat verabschiedet eine Gesamtstrategie zur Erhaltung des Waldes und zur Förderung der Holzverwendung im Bauwesen. Die Behörden unterstützen die Kaskadennutzung dieser Ressource.

2025

Dies erfordert erhebliche Änderungen in der Praxis. Mechanische Verbindungen sind Kleb- und Schaumstoffen vorzuziehen, denn diese können Baustoffe verunreinigen. «Zirkularität kann durchaus erreicht werden, aber weil heute als erstes zu diesen Stoffen gegriffen wird, muss man auf Baustellen besonders wachsam sein», bemerkt Luc Trottier. Zirkularität muss schon bei der Planung und beim Entwerfen neuer Holzprodukte und –bauten mitgedacht werden.

Grosser Schritt in zehn Jahren

Obwohl Baustoffe immer öfter wiederverwendet werden, steckt die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen noch in den Kinderschuhen. «Die Erfüllung der heutigen Normen durch das Recycling alter Bauteile bleibt eine Herausforderung», räumt Sébastien Droz ein. Der Aufwand kann ebenfalls ein Hindernis darstellen.

Dennoch beschleunigen der Klimawandel und der zunehmende öffentliche Druck die Entwicklung der Branche. «Dank des technologischen Fortschritts und neuen Vorgaben können wir heute Dinge erreichen, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären», freut sich der Experte.

Ideales Material für Aufbauten

Holz gilt oft als das geeignete Material für Erweiterungen und Aufbauten. Es ist leicht, widerstandsfähig und kann problemlos in bestehenden Bauten verwendet werden, die nicht für zusätzliche Belastungen ausgelegt sind, betont das Büro Lutz Architectes. Die Fachleute für nachhaltiges Bauen heben einen weiteren Vorteil hervor: Neue Bauteile können in der Werkstatt gefertigt und dann rasch vor Ort montiert werden, was die Belästigung für die Anwohner reduziert. Da kein Wasser benötigt wird (wie mit Beton), gibt es ausserdem keine Trocknungszeit, die eingehalten werden muss, und es besteht keine Gefahr für das Eindringen von Wasser in die unteren Stockwerke. In einer Zeit, in der viele Städte versuchen, ihre Zentren zu verdichten, um die landwirtschaftlichen Flächen zu erhalten, könnte die Nachfrage nach Holz steigen.