«Architektur hat mich immer schon fasziniert. Besonders gereizt hat mich an diesem Beruf, dass man die Welt um uns herum mitgestalten und etwas Positives bewirken kann. Ich habe mich auf Beton spezialisiert, weil er gewissermassen das Sorgenkind der Baubranche ist. In Europa macht Beton rund 30 Prozent der gesamten Bau- und Abbruchabfälle aus. Hinzu kommt, dass die für die Betonproduktion unerlässliche Zementherstellung für rund 8 bis 9 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich ist und damit erheblich zum CO₂-Fussabdruck des Bauwesens beiträgt. Ich habe mich deshalb mit der Frage beschäftigt, wie sich der Bedarf an neuem Beton senken und Abbruchbeton wiederverwenden lässt. Der Fokus liegt dabei auf der Rückgewinnung grösserer, unregelmässig geformter Betonbruchstücke, die anschliessend für den Bau neuer Wände eingesetzt werden.

Der Re:bble Tower ist ein zweistöckiges Demonstrationshaus, das 2025 aus Abbruchbeton errichtet wurde. Mit dieser Methode lassen sich die CO₂-Emissionen um bis zu 94 Prozent reduzieren. ©DR
Maxence Grangeot nutzt grössere Betonbruchstücke als Baumaterial, um den Bedarf an Neubeton zu senken. ©DR

Die Kunst des Upcyclings

Mein Ansatz zur Wiederverwendung von Beton beruht auf dem Prinzip des Upcyclings. Im Betonkreislauf ist es wichtig, zwischen Up- und Downcycling zu unterscheiden. Beim Upcycling erhält das Material ein zweites Leben und gewinnt an Wert: Die Betonbruchstücke werden in ihrer bestehenden Form weiterverwendet und direkt in ein neues Bauwerk integriert. Beim Downcycling hingegen wird das Material weiterverarbeitet und verliert einen Teil seiner ursprünglichen Eigenschaften. Die Abgrenzung zwischen diesen beiden Konzepten ist zwar nicht immer eindeutig, jedoch von zentraler Bedeutung. Betonrecycling verursacht in etwa gleich hohe CO₂-Emissionen wie die Herstellung von neuem Beton. Der eigentliche Vorteil liegt darin, bereits vorhandenes Material wiederzuverwenden: Dadurch müssen weniger neue Rohstoffe abgebaut werden und der Ressourcenverbrauch sinkt.

Solange in der Schweiz Gebäude abgebrochen werden, fehlt es nicht an Recycling-Beton. ©DR

Grenzüberschreitende Projekte

Der Re:bble Tower, den ich 2025 auf dem EPFL-Gelände in Freiburg realisiert habe, steht exemplarisch für meine Arbeit. Der fünf Meter hohe, zweistöckige Turm wurde aus Abbruchmaterialien gebaut. Ich möchte aufzeigen, dass durch eine hochwertige Wiederverwendung von Abbruchbeton weniger Neubeton benötigt wird. Unseren Analysen zufolge lässt sich der Bedarf dadurch um bis zu 75 Prozent senken. Andere Studien belegen, dass CO₂-Emissionen im Durchschnitt um 80 Prozent verringert werden können. Das birgt enormes Potenzial. Darüber hinaus durfte ich das Projekt rebuiLT von Studierenden der EPFL begleiten und koordinieren, in dessen Rahmen ein Pavillon entstand. Sein Tragwerk besteht aus Betonelementen, die von einem abbruchreifen Gebäude herausgetrennt wurden. Die Konstruktion befindet sich in der Nähe des Campus und kann besichtigt werden. Sie soll das Bewusstsein für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Beton und anderen bio- und geobasierten Baustoffen schärfen. Gleichzeitig geht es darum, möglichst viele Bauteile aus Rückbauten einzusetzen und so die Kreislauffähigkeit von Gebäuden zu fördern.  

Gewohnheiten ändern – eine ganz eigene Baustelle

Die Herausforderung besteht heute darin, die Bauunternehmen davon zu überzeugen, dass sich der Einsatz dieser Art von Beton lohnt und einen wichtigen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leistet. In der Schweiz gelingt dies schon ziemlich gut, auf internationaler Ebene gestaltet sich das Ganze etwas schwieriger. Derzeit zeigen sich viele Unternehmen noch zurückhaltend, da diese Methode mehr Zeit in Anspruch nimmt und teurer ist als die Herstellung von Neubeton. Meiner Ansicht nach wird sich das in Zukunft aber ändern.  

Letztlich glaube ich, das es eine Aufgabe für ein ganzes Berufsleben ist. Es gibt sehr viele Betonkonstruktionen und immer mehr von ihnen werden in den kommenden Jahren ausgedient haben. Solange in der Schweiz weiterhin Gebäude abgebrochen werden – und ein Rückgang der Abbruchtätigkeit ist aktuell nicht absehbar –, fehlt es jedenfalls nicht an Material, um die Wiederverwendung von Beton weiter voranzutreiben. Langfristig sollte unser Ziel sein, weniger abzureissen und neu zu bauen und irgendwann vielleicht sogar ganz darauf zu verzichten.»

Die Äusserungen von Maxence Grangeot wurden von Fanette Fabrizio zusammengetragen und aufbereitet.

Maxence Grangeot

ist 29 Jahre alt und stammt aus Thonon-les-Bains. Nach seiner Ausbildung zum Architekten begann er 2022 ein Doktorat an der EPFL. Im Zentrum seiner Forschung steht die Wiederverwendung von Beton für Tragwerke.