Praktische Infos
- Das Postauto fährt nur zwischen dem 27. Juni und 1. November 2026 ins Gebiet. Zwischen November und Mai ist die Strasse nach Derborence wegen Naturgefahren jeweils gesperrt. - Der Rundweg um den Lac de Derborence und das Blockgelände von Le Liapey erfordern Trittsicherheit und Wanderschuhe mit griffiger Sohle. - Im Urwald und am See sind die markierten Wanderwege zu beachten.
Schwierigkeit
Leicht
Dauer
2 Stunden
Länge
6,6 km
Höhenunterschied
330m
Die gut einstündige Fahrt vom Busbahnhof im Walliser Hauptort Sion in den Talkessel von Derborence gehört zu den spektakulärsten Abenteuern, die das Postauto in der Schweiz zu bieten hat. Auf der rechten Talseite der Rhone arbeitet sich das Fahrzeug durch die Steilhänge ob Conthey über hunderte von Höhenmetern zu den terrassierten Rebbergen der typischen Weinbaudörfer Erde und Aven hoch. Im Südwesten rückt an klaren Tagen der höchste Alpengipfel Mont Blanc ins Blickfeld, bevor die Bergstrasse nach Aven schliesslich in einer scharfen Rechtskurve von Süden her ins Tal des Wildbachs Lizerne führt.
Schwindelfreie sitzen links
Wer nicht schwindelfrei ist, sollte lieber rechts im Postauto Platz nehmen, denn auf der linken Seite geht es direkt neben dem schmalen Fahrweg über schroffe Felswände mehrere hundert Meter steil bergab. Über Jahrtausende hat sich die Lizerne hier tief in die Kalkdecken eingegraben und so die darüber liegenden Flanken destabilisiert.
Um die Alpweiden im Talkessel von Derborence besser zu erschliessen, hat man in den frühen 1950er-Jahren zahlreiche Tunnel und Galerien in die fast senkrechten Felswände gesprengt. Mehrere «Kuhfenster» geben den Blick frei auf die erodierenden Hänge der gegenüberliegenden Talseite und den Talgrund. Grosse, in die engen Felspassagen gehauene Seitenöffnungen sorgen dafür, dass das Vieh beim Alpauftrieb nicht wegen der Dunkelheit scheut. Auch für die Postauto-Chauffeure ist die Strecke eine Herausforderung: Die engen und eher niedrigen Galerien erfordern Konzentration und Millimeterarbeit. Manch ein Fahrgast atmet hörbar auf, wenn das Postauto am Ende der geteerten «Route de Derborence» – rund 1000 Meter über dem Rhonetal – endlich unbeschadet sein Ziel erreicht.
Von zwei Bergstürzen geformt
Im weiten Talkessel, den die fast senkrecht in den Himmel aufsteigenden Kalkwände des brüchigen Bergmassivs «Les Diablerets» überragen, tritt man in eine Gebirgslandschaft, die von Trümmern übersät ist. Instabile Sedimentschichten an den Steilhängen der damaligen «Rochers de Champ» und der Druck von Schmelzwasser verursachten im September 1714 und Juni 1749 zwei gewaltige Bergstürze, denen Menschen, Nutztiere und Alphütten zum Opfer fielen. Die betroffenen Bergbauern wussten wenig über die lokale Geologie und waren überzeugt, dass hier der Teufel persönlich am Werk sein musste, weshalb die brüchigen Teufelshörner fortan «Les Diablerets» hiessen.
Auf dem Weg zum Gasthof Refuge du Lac de Derborence zweigt links ein Pfad durch einen Auenwald zum südöstlichen Ufer des gleichnamigen Bergsees ab. Das idyllische Gewässer, in dem sich die Gipfel und Bäume der Umgebung spiegeln, ist erst 1749 durch die Schuttmassen der rund 50 Millionen Kubikmeter Geröll entstanden, die sich vom Steilhang lösten. Sie riegelten den natürlichen Abfluss des Bergbachs Derbonne ab und schufen einen See. Von den umliegenden Steilhängen angeschwemmtes Material lässt den See allmählich verlanden.
Langsam und unbeeinflusst durch Menschen verändert sich die Landschaft, ein Flachmoor entsteht.
Im Urwald spendet Totholz neues Leben
Ungestört darf sich auch der Urwald im Gebiet L’Ecorcha am Südufer des Lac de Derborence entwickeln. Nach den beiden Bergstürzen galt die Gegend als verfluchtes Land, dessen extrem zerklüftete Topografie zudem alle Versuche einer forstwirtschaftlichen Nutzung verhinderte. So stehen hier auf dem Blockschutt jahrhundertealte Weisstannen und Fichten neben vermodernden Baumriesen, deren Totholz Platz für neues Leben schafft. Auf dem Rundweg um den Bergsee ist auf engem Raum zu sehen, wie sich Wälder entwickeln.
Vielfältige Schutzzonen
Das Bergsturzgebiet von Derborence ist bereits seit 1911 ein Eidgenössisches Jagdbanngebiet, in dem zum Schutz der Wildtiere ein striktes Jagdverbot gilt. Seit 1977 gehört es – nicht zuletzt aufgrund der einzigartigen Entstehungsgeschichte – auch zu den Landschaften und Naturdenkmälern von nationaler Bedeutung und wird im entsprechenden Bundesinventar (BLN) aufgeführt. Als wertvoller Lebensraum für spezialisierte Pflanzen- und Tierarten zählt Derborence zudem zu den Auengebieten von nationaler Bedeutung. Der Urwald über dem Südufer des Sees und das Gewässer sind seit 1961 ein offizielles Naturschutzgebiet, das die Organisation Pro Natura betreut.
Der Urwald von Derborence ist für die Umweltforschung besonders wertvoll. Das viele Totholz zeigt, wie sich ein Wald ganz natürlich entwickelt. Abgestorbene und verrottende Bäume bieten Lebensraum für seltene Pilze und Käfer. In gepflegten bewirtschafteten Wäldern finden diese Arten wenig geeignete Lebensräume. Im Übrigen kommt den Moosen, Farnen, Flechten und Baumkeimlingen das feuchte Mikroklima zugute. Die bis zu 3200 Meter hohen Felswände, an denen sich häufig die Wolken stauen und ausregnen, bescheren dem Gebiet fast einen Drittel mehr Niederschläge als dem restlichen Zentralwallis. Überdies hält ihr Schattenwurf die Feuchtigkeit im Talboden zurück, der sie wie ein Schwamm speichert und empfindlichen Keimlingen in trockenen Sommern so das Überleben sichert.
Das Felslabyrinth von Le Liapey
Hat man den Lac de Derborence umrundet, lohnt sich auf seiner Nordseite der Aufstieg ins imposante Trümmerfeld von Le Liapey. Der Pfad schlängelt sich an teils haushohen Kalkblöcken vorbei und zwingt zu Umwegen, die immer wieder neue Aussichten eröffnen. Zwischen den Felsbrocken kämpfen sich anspruchslose Föhren und Halt suchende Lärchen ans Licht.
Das keimende Leben auf den Kalkblöcken veranschaulicht, wie die Besiedlung einer Steinwüste durch Pionierpflanzen abläuft. Krustenflechten scheiden organische Säuren aus, die den Kalkstein zersetzen und winzige Vertiefungen schaffen, in denen sich Staub und organisches Material ansammeln. Durch Polsterpflanzen wie den Steinbrech kommt es in solchen Felsritzen zur Humusbildung und damit zur Geburtsstunde eines Bodens. Auf diesen Standorten setzen sich in der Folge spezialisierte Kalkschuttbewohner – wie das Rundblättrige Täschelkraut oder der Alpen-Mannsschild – fest.
